Mitten in der Stadt und doch am Rande der Gesellschaft

Im Rahmen des Freiwilligen-Projektes „72 Stunden ohne Kompromiss“ haben Jugendliche dem „Rundgang der Not“ den Weg ins Internet geebnet.

Viel Arbeit engagierter Jugendlicher steckt in der neuen Homepage. Sie ist ab Mitte Jänner online.
© Caritas

Von Nikolaus Paumgartten

Innsbruck –Mit zwölf Jahren hat er angefangen, Gras zu rauchen; mit 18 Jahren seine damalige Freundin kennen gelernt, die ihm gezeigt hat, wie man Heroin konsumiert. Heute, mit 26 Jahren, ist er überzeugt, dass er früher oder später an einer Überdosis sterben wird. Der Mann, der seine Lebensgeschichte erzählt, ist froh, dass ihm jemand zuhört. Sein Publikum in der Innsbrucker Mentlvilla – einer Einrichtung der Caritas für Menschen mit Suchterkrankungen: Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Sie haben sich im Rahmen des Freiwilligen-Projektes „72 Stunden ohne Kompromiss“ auf Spurensuche begeben, um den so genannten „Rundgang der Not“ einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Seit geraumer Zeit gibt es das Angebot der Caritas Tirol, im Rahmen dieses Rundganges Einrichtungen zu besuchen, in denen Menschen in Not Zuflucht und Hilfe finden. Es ist die etwas andere Stadtführung durch Innsbruck, abseits von Annasäule, Triumphpforte und Goldenem Dachl zu Gesichtern der Landeshauptstadt, die in keinem Prospekt der Tourismuswerbung auftauchen.

© Caritas

Rund 30 Schülerinnen und Schüler – darunter fast die gesamte Klasse 1 AS der Handelsakademie Innsbruck – begaben sich in Kleingruppen auf Recherche-Tour in die Einrichtungen: Ausgestattet mit Fotoapparat, Videokamera, Mikrofon sowie Papier und Bleistift haben sie Interviews geführt, Kurzfilme gedreht, Gespräche aufgezeichnet. Und kamen dabei mit Menschen und Schicksalen in Kontakt, die ihnen sonst wohl fremd geblieben wären. Zuerst habe es Überwindung gekostet, die Orte aufzusuchen, auf die Personen zuzugehen, sie anzusprechen, sind sich die Schülerinnen und Schüler einig. Meist hätten sie sich aber rasch willkommen gefühlt, seien eingeladen worden, Platz zu nehmen und sich die Geschichten anzuhören. Obdachlose, Drogenabhängige, Menschen an und unter der Armutsgrenze, Langzeitarbeitslose. Was man vorher nur aus den Nachrichten, dem Fernsehen, der Zeitung kannte, bekam plötzlich ein Gesicht. „Wenn ich heute durch die Maria-Theresien-Straße gehe, dann sehe ich regelmäßig Leute, mit denen ich mich in einer der Wärmestuben unterhalten habe“, erzählt eine Schülerin. Sie erkennen sich wieder, grüßen sich freundlich, wechseln das eine oder andere Wort miteinander. Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, und die bisher in Parallelwelten aneinander vorbeigelebt haben.

Die Rechercheergebnisse der Jugendlichen wurden multimedial verarbeitet und für eine Homepage aufbereitet. Die Lebensgeschichte des 26-jährigen Heroinsüchtigen wurde zu einem Rap verarbeitet, Erzählungen aus dem Sozialmarkt als Tondokumente eingebettet. Interviews und Videoclips verleihen den Orten Stimmen und Bilder. Entstanden ist ein Rundgang der Not im weltweiten Netz, der von jedem jederzeit abgegangen werden kann. Noch fehlt der Seite der letzte Schliff, ab Mitte Jänner kann sie unter www.rundgangdernot.at aufgerufen werden.


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