Lektionen im Hinsehen
In seinem ersten „Logbuch der Gegenwart“ bereist der slowenische Dichter Alesˇ Sˇteger kontaminierte Landstriche. Bis 2024 sollen zwei weitere Beobachtungsbände folgen.
Von Joachim Leitner
Innsbruck –„Die Jahreszahl 2024 klingt für mich immer noch nach Science-Fiction“, sagt der slowenische Autor Alesˇ Sˇteger. Sie auf einem ganz konkreten Schriftstück, zumal einem Vertrag, zu sehen, habe ihn etwas beunruhigt. Unterschrieben hat er trotzdem. Das war im Jahr 2012. Zunächst schloss er die Vereinbarung mit sich selbst. Dann kam der Innsbrucker Haymon Verlag dazu. Der Plan war ebenso einfach wie streng: Bis 2024 wird Sˇteger jedes Jahr einen Text schreiben, der binnen 12 Stunden entsteht. Geschrieben muss er an einem öffentlichen Ort sein. Möglichkeiten zur zusätzlichen Recherche oder nachträglichen Bearbeitung gibt es nicht. Das erste von drei geplanten „Logbüchern der Gegenwart“ ist mittlerweile erschienen, es beinhaltet Texte, die im Dezember 2012 in Ljubljana, im Juni 2013 in Fukushima, im November 2014 in Mexico City und im August 2015 in Belgrad entstanden sind.
Auf die Idee zu dem – wie Sˇteger selbst sagt – „Spiel“ kam der vielfach ausgezeichnete Lyriker in Rom. „Ich stand vor der Auslage eines luxuriösen Bekleidungsgeschäftes, sah sündteure Klamotten und einen Bettler auf der anderen Straßenseite, der sich im Schaufenster genauso spiegelte wie ich mich selbst. Diese absolute unmittelbare Überlappung der Ebenen hat mich fasziniert“, erklärt der 43-Jährige im Gespräch mit der TT. Und auf diese Unmittelbarkeit sprachlich zu reagieren, sei letztlich die Herausforderung dieses Projekts. Nun hat Sˇteger sein Talent als Beobachter in wunderbaren Lyrikbänden, zuletzt etwa im „Buch der Körper“ (Schöffling Verlag, 152 Seiten, 20.60 Euro) immer wieder bewiesen. Die Logbuch-Texte seien aber etwas ganz anderes. „Gewöhnlich bin ich ein obsessiver Redigierer meiner Texte. Ich schreibe sie immer wieder neu. Jetzt versuche ich etwas ganz anderes: Ich setze mich einer Wirklichkeit aus und bin darum bemüht, dem Puls des Geschehens ganz nahe zu kommen, um das Fragile der Welt und das Fragile und Unvollkommene der Sprache zu erkunden.“ Der Ansatz sei also ein rein literarischer, sagt Sˇteger. „Ich arbeite nicht journalistisch, die Texte sind keine Reportagen, sondern sie folgen einer emotionalen Intelligenz. Der Raum, den ich beschreibe, entsteht im Grunde genommen erst durch die Beschreibung. Dadurch, dass ich ganz konzentriert hinsehe – und mich von dem, was ich sehe, verführen lasse.“
Als Reportagen lesen lässt sich Sˇtegers – in den Worten Péter Nádas’, der ein kluges Vorwort zum ersten Logbuch verfasst hat – „erzählende Dichtung“ natürlich trotzdem. Gerade weil sie um die Gefahren stereotyper Darstellungen wissen, schärfen sie den Blick darauf, was wirklich passiert. In Fukushima zum Beispiel – die japanische Stadt ist wie sonst wohl nur noch Tschernobyl zur Metapher für die Gefahren des atomaren Zeitalters geworden – entdeckt er nichts erwartbar Aufrüttelndes, sondern die Ödnis eines Alltags, der seinen nichtssagenden Klatsch in Hochglanzblättern namens Tarzan anbietet. Trotzdem laufen die Uhren hier anders. Auch weil sie – zumindest in der Bibliothek, die Sˇteger als Schreibort wählte – nicht die Zeit, sondern die Strahlungswerte in der Luft ausweisen.
Von aktuellen Ereignissen eingeholt wird Sˇteger in Mexico, wo im Drogenkrieg 47 Studenten entführt und ermordet wurden, und in Belgrad, wo aus Syrien Geflüchtete am Busbahnhof campieren. Hier stößt der Beobachter an seine Grenzen, er wird zum Teilnehmer, bietet Essen an, sucht das Gespräch, will die Geschichten der auf der Balkanroute Gestrandeten erfahren, ohne den Meistersänger einer „Operette aus Philanthropie“ zu geben. Doch auch hier bleibt Sˇteger Dichter und findet ein beeindruckend einfaches Bild für den Kontrast von gesehenem Leid und dem gelebten Luxus: Der Blick zum Himmel lässt Spuren von Flugzeugen erahnen: „Spuren von Flugzeugen, die Passagiere hin und her transportieren; weltweit. Reisen ist sexy.“
Analyse geopolitischer Verwerfungen oder neokolonialer Gräuel wollen Alesˇ Sˇtegers Texte nicht sein. Antworten geben sie nicht. Aber sie lehren genaues Hinsehen. Und führen eindrücklich vor Augen, dass mit dem Hinsehen allein noch nichts getan ist.
Prosa Ale s ˇ S ˇ teger: Logbuch der Gegenwart. Taumeln. Aus dem Slowenischen von Matthias Göritz. Haymon. 170 Seiten, 19.90 Euro.