Thomas Krauß: „Ich will nicht provozieren“
Schauspieldirektor Thomas Krauß spricht über die gesellschaftliche Relevanz des Theaters, die Balance zwischen breitenwirksamen und fordernden Stoffen und unvermutete Anarchie.
Tennessee Williams' Stück „Die Katze auf dem heißen Blechdach" hat durch die Verfilmung mit Paul Newman und Liz Taylor Berühmtheit erlangt. Williams distanzierte sich aber vom Film, weil Bricks unterschwellige Homosexualität darin ausgeklammert wurde. Wie gehen Sie mit diesem Aspekt um?
Thomas Krauß: Um Tennessee Williams spielen zu dürfen, muss man beim Verlag die Strichfassung vorlegen, die dann nach dem Willen der Erben von einer Universität in den Südstaaten geprüft wird. Der Aspekt der Homosexualität wird in unserer Inszenierung nicht ausgeklammert. Dass das im Film passiert ist, hat mit der Zeit zu tun: 1958 wollte man eine breitenwirksame Geschichte ins Kino bringen, deshalb wurden viele Dinge melodramatisiert und weicher als im Originaltext angelegt. Wir konzentrieren uns auf Williams' Stück, weil sonst macht das ja keinen Sinn. Dadurch, dass Brick in seiner aktiven Zeit ein Hochleistungssportler gewesen ist, kriegt das ja noch eine spezielle Dimension — weil Homosexualität im Spitzensport ja nach wie vor tabuisiert ist.
Nach „Jenseits von Eden", „Altweiberfrühling", „Einer flog übers Kuckucksnest", „Die Comedian Harmonists" und „Wie im Himmel" ist das die sechste Inszenierung in Ihrer Ära, an die eine bekannte Verfilmung geknüpft ist. Will man mit dem Kino-Background theaterferne Zuschauer anlocken?
Krauß: Bei den erwähnten Stücken ist ja in der Regel zuerst das Stück da gewesen — der Film hat also das Theater für sich entdeckt. In der Regel suche ich nach großen Stoffen, die eine enorme Tiefe in sich bergen. Wenn daran auch eine Breitenwirksamkeit geknüpft ist, freue ich mich natürlich darüber. „Die Katze auf dem heißen Blechdach" ist ein tolles Stück, das noch nie am Haus gezeigt wurde. Dazu kommt, dass in den Hauptrollen mit Lisa Hörtnagl und Fabian Schiffkorn zwei tolle Innsbrucker Schauspieler im Einsatz sind, die ihre Sache sicher toll machen werden (klopft auf Holz).
Bei der Spielplan-Präsentation haben Sie gesagt, dass das „Theater eine Orientierungshilfe in einer unruhigen Welt" bieten kann. Wir befinden uns in unruhigen Zeiten, müsste da der Spielplan nicht unruhiger, fordernder sein? Oder scheitert das am Druck einer geforderten Auslastung?
Krauß: Unser Auftrag ist es, Tirol von Landeck bis Kufstein zu bedienen. Trotzdem bieten wir auch immer wieder riskante und kompliziertere Stücke an — und das Schöne ist, dass auch diese angenommen werden. Es ist natürlich wichtig, Reibungsflächen zu bieten, aber gleichzeitig geht es auch darum, ein breites Publikum anzusprechen. Ich will nicht provozieren: Es geht darum, Impulse zu setzen und die Zuschauer fürs Theater zu begeistern. In meinen Augen kann auch in einer Boulevardkomödie Anarchie schlummern. Nur weil ein Stoff unterhält, ist er ja nicht per se oberflächlich.
Von Franz Xaver Kroetz stammt die Aussage: „Theater hat keine gesellschaftliche Funktion mehr, das braucht kein Schwein." Was halten Sie dem entgegen?
Krauß: In meinen Augen gewinnt das Theater gerade wieder an Bedeutung. Wenn ich ins Kino gehe, sehe ich oft nur noch animierte Welten. Das Theater ist ein Ort der Unmittelbarkeit — hier erlebt man Menschen aus Fleisch und Blut, hier ist Bildung und Herzensbildung möglich, hier kann man in eine andere Welt abtauchen, um die eigene Welt besser zu verstehen. Insofern hat es sehr wohl eine gesellschaftliche Relevanz.
Warum gibt es in dieser Saison im Schauspiel-Sektor keine Uraufführung?
Krauß: Auch bei einer Uraufführung muss das Zusammenspiel von Dramaturgie, Inhalt und Besetzung passen. In dieser Saison waren mir andere Stoffe wichtiger. In der kommenden Spielzeit wird es aber auf alle Fälle wieder eine Uraufführung einer jungen österreichischen Autorin geben: Auf das Stück bin ich in einer Literaturzeitschrift gestoßen und ich hatte Glück, dass ich früh genug dran war. Prinzipiell kommt's auf die Qualität an — ob da jetzt Uraufführung dahintersteht, ist nicht das drängendste Kriterium.
Im Juni kommt Elfriede Jelineks Flüchtlings-Drama „Die Schutzbefohlenen" ins K2. Warum wird diese Orientierungshilfe nicht in größerem Rahmen gezeigt?
Krauß: Der intime Rahmen sorgt dafür, dass man sich als Zuschauer dem Stück nicht entziehen kann. Die Enge dieses Raums sehe ich als herausfordernd.
Mit Sergej Gößner und Benjamin Schardt haben zwei herausragende Schauspieler das Ensemble verlassen, auch Lisa Hörtnagl ist nur noch als Gast am Haus. Schmerzen solche Verluste?
Krauß: Natürlich schmerzt das. Aber solche Veränderungen sind für ein Ensemble ganz normal. Abgesehen davon bleibt uns Lisa Hörtnagl ja in gewisser Form erhalten und auch mit Benjamin Schardt wird es schon in „Der Watzmann ruft" (Premiere: 21. Jänner) ein Wiedersehen geben — er übernimmt als Gast den Part der Gailtalerin.
Das Gespräch führte Christiane Fasching
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