Roman Herzog: Der Bundespräsident des gesunden Menschenverstands

München (APA/AFP) - Die körperliche Kraft ließ bei Roman Herzog schon länger nach, die öffentlichen Auftritte waren selten geworden. Und dam...

München (APA/AFP) - Die körperliche Kraft ließ bei Roman Herzog schon länger nach, die öffentlichen Auftritte waren selten geworden. Und damit auch die Wortbeiträge des Mannes, der mit seiner sogenannten Ruckrede vor fast 20 Jahren einen Meilenstein setzte. Meldete sich der nun mit 82 Jahren in einem Krankenhaus verstorbene deutsche Altbundespräsident doch zu Wort, trieb ihn seine unermüdliche Mahnung zur Innovation.

Bundespräsident Joachim Gauck würdigte Herzog bei einer Preisverleihung im November 2015 als einen „Großen der Geschichte der Bundesrepublik“. In einem Kondolenzbrief an Herzogs Witwe Alexandra Freifrau von Berlichingen spielte Gauck nun auf einen Kernsatz des Verstorbenen an. „Die Fähigkeit zur Innovation entscheidet über unser Schicksal“, sagte dieser im April 1997. „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen“, forderte Herzog ebenfalls in dieser Rede.

Dass es nach dieser Forderung während der zu Ende gehenden Ära von Kanzler Helmut Kohl (CDU) auch unter dem 1998 folgenden Regierungschef Gerhard Schröder (SPD) noch Jahre bis zu großen Reformen dauerte, enttäuschte Herzog. Aber dass er als Staatsoberhaupt damals so unverblümt aussprach, was viele empfanden, stärkte das Amt des Bundespräsidenten.

Drei Wahlgänge dauerte es, bis der am 5. April 1934 im niederbayerischen Landshut geborene Herzog 1994 von der Bundesversammlung gewählt wurde. „Ich werde mich bemühen, das Amt so zu führen, dass Sie es am Ende bereuen, mich nicht gewählt zu haben“, sagte Herzog direkt nach seiner Wahl. Damit zeigte er nicht nur Humor, sondern gab auch gleich eine Richtung vor - Herzog gilt als Bundespräsident, der die Möglichkeiten des Amts überparteilich ausschöpfte.

In seine Amtszeit fielen viele stark beachtete Reden und Staatsbesuche. So wurde Herzog der erste Bundespräsident, der das Konzentrationslager Auschwitz besuchte. „Hier öffnen die Toten den Lebenden die Augen“, erklärte Herzog. Als historisch für die deutsch-polnische Aussöhnung gilt seine Bitte um Vergebung an Polen am Mahnmal des Warschauer Aufstands.

Als Bundespräsident des gesunden Menschenverstands wurde Herzog nach seinem Abschied 1999 gewürdigt. Der Sohn des Landshuter Stadtarchivars hatte aber auch zuvor seine Meriten schon verdient, wenn auch ohne große Beachtung der breiten Öffentlichkeit. Er lehrte als Jusprofessor, und als Landesminister - zunächst im Kultus-, dann im Innenressort - verdiente sich Herzog für die CDU in Baden-Württemberg von 1978 bis 1983 Anerkennung.

1983 wurde der Vater von zwei Söhnen Richter und Vizepräsident am deutschen Bundesverfassungsgericht, ab 1987 dort Präsident. Mit dem sogenannten Trümmerfrauenurteil bescherte Herzog dem damaligen Bundeskanzler Kohl eine Niederlage, weil er dessen Pensionspolitik für falsch befand und den Trümmmerfrauen so höhere Pensionen verschaffte.

Auch nach seiner Amtszeit als Bundespräsident blieb Herzog gefragt und viel beschäftigt. Er half der CDU bei der Aufarbeitung ihrer Parteispendenaffäre und verantwortete auf Wunsch der damaligen Oppositionsführerin Angela Merkel 2003 in der sogenannten Herzog-Kommission Vorschläge für Sozialreformen - darunter die Rente mit 67 Jahren, die vier Jahre später beschlossen wurde.

In den vergangenen Jahren fiel Herzog vor allem durch seine Mahnungen auf. Vor einer „Rentnerdemokratie“, in der die Politik beim Buhlen um Wählerstimmen die Älteren zu Lasten der Jüngeren bevorzugt, warnte er. Den Zustand der EU beschrieb er schon früh kritisch, den des deutschen Wahlsystems auch.

Und bis zum Tod wünschte sich Herzog mehr Aufbruchstimmung im Land. In einem seiner letzten Interviews sagte er vor gut einem halben Jahr dem „Focus“: „Ich habe den Eindruck, dass Deutschland sich zu sehr ausruht - und zwar nicht nur die Regierenden, sondern auch die große Mehrheit der ‚einfachen Bürger‘“. Herzog sah die Zeit für einen neuen Ruck gekommen.