Auch Geduld muss man lernen
Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden im Projekt „MyKey“ an eine Lehrausbildung herangeführt. An Pünktlichkeit und „Chefinnen“ in der Klasse mussten sie sich erst gewöhnen. Die Zwischenbilanz ist positiv.
Von Michael Domanig
Innsbruck –Kfz-Mechaniker. Lokführer. „Businessman“. Ein Teil der Jugendlichen, die im Seminarraum des Bildungsinstituts „ibis acam“ in Innsbruck sitzen und gerade Verkehrserziehung büffeln, hat ziemlich konkrete Vorstellungen von der eigenen Zukunft. Die motivierten Burschen zählen zu den 26 Jugendlichen, die derzeit am Programm „MyKey“ teilnehmen – einem Projekt des Landes Tirol, mit dem unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) für die duale Ausbildung mit Lehre und Berufsschule oder andere Ausbildungsformen fit gemacht werden sollen.
Ein Jahr lang, in 30 Unterrichtsstunden pro Woche, sollen die Jugendlichen – der Großteil stammt aus Afghanistan und Syrien – Grundkenntnisse in Deutsch, Mathematik, Englisch und berufsspezifischen Fertigkeiten erwerben. Das mit 720.000 Euro für zunächst zwei Jahre dotierte Projekt – 50 Prozent werden über EU-Mittel gedeckt – läuft seit 1. August. Die erste Zwischenbilanz des Bildungsträgers „ibis acam“, zuständig für die Umsetzung, ist von Optimismus, aber auch Realismus getragen: „Wir wussten, dass das Programm durchaus fordernd ist, das ist auch so gedacht“, sagt Projektleiter Kurt Hofer. Manche der Jugendlichen hätten damit zu kämpfen, eine Gewöhnungsphase sei nötig gewesen, wobei sich Pünktlichkeit und fixe Strukturen zunächst als Hauptherausforderung erwiesen hätten. „Es hat auch Abbrüche gegeben“, berichtet Hofer – wenn die Grundeinstellung passe, sei ein Wiedereinstieg aber jederzeit möglich.
Besonders wichtig sei das Querschnittsfach Allgemeinbildung, sagt Hofer: Hier erfahren die Jugendlichen Grundlegendes zur Zeiteinteilung – sie seien das Konzept der Pünktlichkeit anfangs „weniger gewohnt als österreichische Jugendliche“ – oder zu Abläufen in Ausbildung und Arbeitsmarkt. Dabei gehe es auch darum, die Burschen „wieder auf den Boden zu bringen“ und ihnen ein realistisches Bild zu vermitteln. „Manchmal sind sie ungeduldig, weil die Ausbildung nicht so schnell geht wie gedacht“, meint Hofer. „Aber diejenigen, die jetzt da sind, haben verstanden, dass Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht.“
Dass Mann und Frau in der österreichischen Gesellschaft gleichgestellt sind und Frauen selbstverständlich auch arbeiten gehen, werde den Jugendlichen ebenfalls vermittelt. „Wir haben auch Trainerinnen, also Chefinnen im Klassenraum. Auch hier hat es einen Anlauf gebraucht.“
Inzwischen habe sich ein Kern von sehr ambitionierten und konsequenten Teilnehmern herauskristallisiert, „man spürt den Fortschritt, den Schub“, so Hofer. Ab jetzt gehe es verstärkt an die konkrete Vorbereitung für den Arbeitsmarkt, etwa ans Üben von Bewerbungsschreiben.
Bei „MyKey“ stehen insgesamt 45 Plätze zur Verfügung. Nun soll das Programm auch für begleitete minderjährige Flüchtlinge geöffnet und die freien Plätze zügig aufgefüllt werden.
Auf die Frage, wie er die Chancen sehe, dass die Jugendlichen tatsächlich am Arbeitsmarkt Fuß fassen können, verweist Hofer auf Erfahrungswerte aus anderen ibis-acam-Projekten wie der „VIA Produktionsschule“. Dort werden Jugendliche mit Migrationshintergrund, zuletzt auch vermehrt Flüchtlinge, unterrichtet. Dabei liege die Vermittlungsquote bei rund 50 Prozent – ein Wert, den man auch mit „MyKey“ erreichen wolle, so Arbeitslandesrat Hannes Tratter (ÖVP).
Wenn die Vorbereitung „gut und konsequent läuft, die Jugendlichen selbst mitziehen und das Umfeld sie unterstützt, kann es funktionieren“, bilanziert Hofer. Er rechnet auf den Sommer hin mit „ersten Erfolgen, wenn einigen der Jugendlichen der Übergang in eine Lehrstelle gelingt – und sie so auch den anderen vorzeigen, dass sich Geduld lohnt“.
Generell dürften heuer Asylberechtigte und subsidiär Schutzberechtigte in größerer Zahl den Tiroler Arbeitsmarkt erreichen als 2016, sagt Tratter. Um darauf zu reagieren, hat das Land gemeinsam mit dem AMS seit 1. Dezember die neue Beratungs- und Betreuungseinrichtung „Jobservice Tirol“ geschaffen.
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