Volksschüler geben sich Farben als „Noten“
Die VS Lechaschau hat ausgetretene pädagogische Pfade verlassen: Schüler wählen den Lernstoff individuell und selbstgesteuert, jeder wird separat gecoacht. Alle Türen stehen offen, Klassen können gewechselt werden.
Von Helmut Mittermayr
Lechaschau –Die Ruhe beim Lokalaugenschein an der Volksschule Lechaschau ist fast unheimlich. Heute niemand da? Aber es ist Donnerstagvormittag, eine normale Schulwoche, alle 92 Schüler und Schülerinnen im Haus. Die Klassentüren in den Stockwerken stehen offen. Drinnen Kinder, die in Arbeiten vertieft sind. In ihre persönlichen Arbeiten, die sie für diesen Tag selbst gewählt haben. Keiner macht das Gleiche. Jeder und jede ist auf dem jeweils persönlichen Entwicklungsstand „unterwegs“. Deshalb gibt es auch kein Quengeln, keine Unter- oder Überforderung – daher keinen Lärm.
Der Platz in der Klasse wird täglich selbst gewählt, eine Sitzordnung ist nicht vorgesehen. Das ganze Schulhaus ist eine Art Lernhaus. Wer will, kann auch die Klasse wechseln, von Mathematik zu Deutsch. Von der Vorschule bis zur zweiten Schulstufe herrscht Altersheterogenität unter den 53 Kindern. Soll heißen: Alle Altersstufen sind vereint und nicht nach Klassen getrennt. Die Pädagogen coachen jedes einzelne Kind, Frontalunterricht ist ein Wort aus der Vergangenheit. Erst die Dritte und Vierte sind wieder „richtige“ Klassen.
Völlig anders ist die Volksschule Lechaschau, die die Außerferner Pflichtschulinspektorin Edith Müller als Pionier- und Leuchtturmschule bezeichnet, auch darin, wie Unterricht verstanden wird: Das Lernen der Kinder steht im Mittelpunkt, das Belehren ist völlig out. Schüler und Schülerinnen sind auch gefordert, ihre Leistung selbst einzuschätzen, erläutert Schulleiter-Stv. Stefan Bischof, der eine neue Farbenlehre aus Itter von Andreas Wurzrainer übernommen hat. Kinder vergeben Farben wie Noten an sich selbst. Unter vier können sie wählen. Grün ist zum Beispiel top, blau richtig gut, rot na ja. Die Pädagogen hinterfragen gemeinsam mit ihren Schülern die jeweilige Einschätzung: „Was könnte denn noch besser werden?“ Eine Feedbackkultur ist gewachsen. Die selbst gewählten Farben werden im persönlichen Portfolio selbstverständlich alle festgehalten. Die Kinder lernen dabei, immer selbstständiger zu arbeiten, ein Grundmotiv des neuen Unterrichts.
Direktorin Claudia Bader ist der zweite Mastermind hinter dem Prozess, der nun eineinhalb Jahre läuft und ein weiteres Jahr intensiver Vorarbeit bedurfte. Sie stellt eines klar: „Viele Leute assoziieren mit unserem System totale Freiheit. Sie glauben, die Kinder dürften alles, könnten tun und lassen, was sie wollten. Das stimmt natürlich überhaupt nicht. Das Setting mag alternativ scheinen, aber die Schüler und Schülerinnen werden viel enger begleitet und geführt, als das vorher je möglich gewesen wäre. Unser Ansatz ist sogar ausgesprochen leistungsorientiert.“ Kein Kind könne einfach im großen Klassenverband – wie zu Zeiten des Frontalunterrichts – wegtauchen. Die sieben Stammlehrer würden genau wissen, wo jeder Schüler stehe und was er am Ende der 4. Klasse können müsse.
Bader räumt ein, dass der eingeschlagene Weg nicht nur eben sei. Große Veränderungen würden immer Zweifel mit sich bringen – bei Eltern wie auch Kollegen. Umso mehr freut es sie, dass die Gemeinde Lechaschau so dahinter steht und auch bereit ist, die finanzielle Zusatzbelastung zu tragen – von personalisiertem Lernmaterial bis zu Gebäudeadaptionen.
Inspektorin Edith Müller ist stolz, dass „diese Schule eine pädagogische Antwort auf die Herausforderungen der Zeit geben kann“.
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