Die Katze auf dem heißen Blechdach: Leben auf dem Lügenteppich
Thomas Krauß inszeniert „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ als intensives Familiendrama, in dem alle ihre Rolle(n) spielen. Maskierungen bräuchte es dafür keine.
Von Christiane Fasching
Innsbruck –Der Ventilator schnurrt wie ein Kätzchen. Und bringt Abkühlung in das überdimensionale Schlafzimmer, in dem ein riesiges Doppelbett mit straffgezogenen Laken auf einem angekokelten Stars-and-Stripes-Teppich thront. Aufgewühlt wurden die Laken schon lange nicht mehr, die Ehe von Brick und Maggie ist am Ende. Längst hält sich der ehemalige Football-Star lieber an der Whisky-Flasche als an seiner Frau fest, die sich knurrend und fauchend gegen die Zurückweisung wehrt. Vergeblich. Gemeinsam sind sie einsam – er mit gebrochenem Knöchel, sie mit angeknackstem Herzen und Ego. Nur eine Tragödie verbindet sie noch: Der Tod von Skipper, Bricks bestem Freund, der in ihm offenbar mehr als nur einen Kumpel sah. Ob es umgekehrt genauso war, bleibt tabu, die vermeintliche Liebe wird sofort unter den Lügenteppich gekehrt. Wie so vieles in der Familie Pollitt.
Mehr als 60 Jahre nach seiner Uraufführung hat Tennessee Williams’ Stück „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ am Samstag nun den Weg ins Tiroler Landestheater gefunden. Regisseur Thomas Krauß verlegt die Handlung des Südstaaten-Dramas auf den 4. Juli: Just am amerikanischen Nationalfeiertag soll Patriarch Big Daddy die Kerzen seiner Geburtstagstorte ausblasen. Dass er das zum letzten Mal tun wird, weiß er nicht: Seine tödliche Krebserkrankung verschweigt ihm seine Familie, die Krauß ein Kostümfest feiern lässt. Während Brick und Maggie Cowboy und Indianer-Squaw spielen, stecken Big Daddy und Big Mama in den Kostümen von Uncle Sam und der Freiheitsstatue. Bricks geschäftstüchtiger Bruder Gooper und seine gebärfreudige Frau Mae kommen indes als bigottes Puritaner-Paar des Weges. Wink mit dem Zaunpfahl: Wir befinden uns im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Und damit das auch wirklich jedem klar ist, dröhnt dann noch „Born in the USA“ aus den Boxen. Die symbolkräftigen Maskierungen (Bühne und Kostüme: Ursula Beutler) zementieren das spannungsgeladene Kammerspiel auf amerikanischen Boden. Notwendig wäre das allerdings nicht: Heuchelei kennt keine Grenzen und auch ohne Cowboyhut, Statue-of-Liberty-Kranz oder Mistgabel spielen die Figuren doch permanent eine Rolle und schlängeln sich alle an unbequemen Wahrheiten vorbei.
Mit einnehmender Gleichgültigkeit gibt Fabian Schiffkorn den lebensmüde gewordenen Brick, dessen einziges Elixier der Schnaps ist und der wohl nicht einmal selbst weiß, ob hinter der „wahrhaftigen“ Freundschaft zu Skipper nicht doch Liebe steckte. Er agiert unaufgeregt, in den richtigen Momenten leise (für die hinteren Reihen vielleicht sogar zu leise) und in den raren Sequenzen des Aufbrausens doch nie outriert. Lisa Hörtnagl spielt als titelgebende Katze Maggie indes alle erdenklichen Emotions-Facetten aus: Impulsiv schimpft sie ihre Neffen und Nichten „halslose Ungeheuer“, lasziv versucht sie Bricks Leidenschaft aufs Neue zu erwecken, manipulativ leiht sie Big Mama ihre Schulter zum Trost. Janine Wegener steht ihr Kostüm im Weg: Dass just die unterdrückte und gefügige Übermutter als Lady Liberty auftaucht, irritiert. Jan Hinnerk-Arnke poltert als todgeweihter Plantagen-, und Familienboss nicht nur lautstark, er wimmert auch schmerzgebeutelt aus dem Off, in das ihn sein Erstgeborener schon zu Lebzeiten manövrieren will. Tobias Ulrich gibt dem berechnenden Gooper ein spannendes Profil, das erst so richtig böse wird, als er seine blonde Perücke abnimmt. An Hinterlist wird er nur noch von einer fabelhaften Sara Nunius als scheinbar grundgute Supermami überboten.
Zwei Stunden dauert der intensive Abend, der nach dem Schlussapplaus so manchen Premierengast Vergleiche zur berühmten Hollywood-Verfilmung mit Paul Newman und Elizabeth Taylor anstellen ließ. Kein Wunder: Das melodramatische Titelfoto des Programmhefts ist eins zu eins einer Szene aus Elia Kazans Kinoklassiker von 1958 nachempfunden. Glücklicherweise taucht das extrem weichgezeichnete Motiv aber nicht in der Inszenierung auf. Besser wäre gewesen, man hätte ganz darauf verzichtet.
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