Abgaswerte: Haben auch Fiat Chrysler und Renault getrickst?
Nach Volkswagen könnte es nun auch Fiat Chrysler und Renault an den Kragen gehen. Auch ihnen wird vorgeworfen bei den Abgaswerten ihrer Fahrzeuge betrogen zu haben.
Washington, Amsterdam – „Wer uns mit Volkswagen vergleicht, hat etwas Illegales geraucht“, Fiat Chrysler-Boss Sergio Marchionne wehrt sich vehement gegen die Vorwürfe von US-Behörden, bei den Abgaswerten von Fiat Chrysler-Dieselfahrzeugen betrogen zu haben. Der italienisch-amerikanische Branchenriese stehe im Verdacht, bei rund 100 000 Dieselwagen die Emissionswerte von Stickoxiden gefälscht zu haben, teilte das US-Umweltamt EPA bereits am Donnerstag in Washington mit. Es geht um Software zur Abgaskontrolle, die Fiat Chrysler den Regulierern nicht offengelegt und so gegen Umweltgesetze verstoßen habe. Fiat Chrysler geht indes davon aus, sich mit der Abgastechnik im legalen Rahmen zu bewegen.
Aber auch in Europa gerät der Autobauer unter Druck. Nach Messungen des deutschen Kraftfahrtbundesamts (KBA) schaltet in bestimmten Fahrzeugen von Fiat Chrysler die Abgasreinigung jeweils nach 22 Minuten vollständig ab. Abgastests dauern in der Regel nur 20 Minuten. Nun fordert die EU-Kommission Italien am dazu auf, gegen den Autobauer gerichtete Vorwürfe des deutschen Verkehrsministeriums zu entkräften.
EU-Kommission wird langsam ungeduldig
„Die deutschen Behörden haben ernsthafte Bedenken geäußert“, sagte eine Kommissionssprecherin. „Wir haben die italienischen Behörden wiederholt aufgefordert, so bald wie möglich überzeugende Antworten zu geben.“ Aus Kommissionskreisen hieß es, die Brüsseler Behörde teile die Bedenken Deutschlands. Ein Test eines Fiat-Wagens in einem EU-eigenen Prüflabor habe verdächtige Emissionen gezeigt. „Wir haben die italienischen Behörden wiederholt gebeten, so bald wie möglich überzeugende Antworten zu geben“, sagte eine Sprecherin der EU-Kommission am Freitag. Diese seien bisher ausgeblieben. „Uns geht allmählich die Zeit aus, weil wir die Gespräche über die Konformität von Fiat bald beenden wollen.“ In Brüssel war von einem Zeitrahmen von einigen Wochen die Rede.
Die Vorwürfe über Manipulationen bei Diesel-Fahrzeugen haben auch die britischen Behörden auf den Plan. Ein Sprecher des Verkehrsministeriums in London sagte am Freitag, man bemühe sich dringend um weitere Informationen durch die US-Umweltbehörde EPA. „Und wir werden auch von dem Hersteller Informationen anfordern mit Blick auf Fahrzeuge auf dem britischen Markt.“
Ungeachtet der Vorwürfe aus den USA über Manipulationen bei Diesel-Fahrzeugen sieht Fiat Chrysler -Chef Sergio Marchionne die Geschäftsziele des Konzerns nicht gefährdet. „Ich bekräftige die Ziele des (Geschäfts-) Plans“, sagte Marchionne der Zeitung La Repubblica am Freitag auf die Frage, ob das Unternehmen für 2018 noch wie anvisiert auf Kurs sei.
Auch Renault im Visier der „Abgas-Fahnder“
Die französische Justiz hat ihre Ermittlungen gegen den Autobauer Renault wegen möglicher Abgasmanipulationen ausgeweitet. Die Pariser Staatsanwaltschaft übertrug die Ermittlungen zu Dieselmotoren an drei Untersuchungsrichter, wie die Behörde am Freitag mitteilte.
Der Vorwurf lautet auf Betrug mit Folgen für die menschliche Gesundheit. Der Kurs der Renault-Aktie an der Pariser Börse ging nach Bekanntwerden dieser sogenannten richterlichen Voruntersuchung auf Talfahrt. Im Zuge des Diesel-Skandals bei Volkswagen hatte eine Expertenkommission in Frankreich Abgastests an zahlreichen Autos vorgenommen. Bei vielen Fahrzeugen wurde eine deutliche Überschreitung der zulässigen Grenzwerte festgestellt, unter anderem bei Renault-Autos.
Renault hat stets beteuert, sich an französisches und europäisches Recht zu halten. Der Autobauer weist den Vorwurf zurück, Schummelsoftware eingesetzt zu haben.
„Diesel halten Stickoxid-Grenzwerte nur mit strengen Regeln“
Die vorgesehene Verschärfung bei Abgas-Messungen für Dieselautos reicht einer Studie zufolge nicht aus, um den Ausstoß von Stickoxiden in die Nähe der Grenzwerte zu drücken. Die Emissionen könnten nach Einführung der Tests unter echten Fahrbedingungen die Werte der Euro-6-Norm weiter um das Dreifache überschreiten, ergaben am Freitag veröffentlichte Berechnungen des Forscherverbunds ICCT.
Die Organisation, die eine große Rolle beim Aufdecken des Abgas-Skandals gespielt hat, empfiehlt daher weitere Verschärfungen für Neuwagen - etwa „stichprobenartige Nachtests der Abgasemissionen von Fahrzeugen im Alltagsbetrieb“. Das entspricht den Plänen der EU-Kommission. Damit könne der Ausstoß der für Menschen gefährlichen Stickoxide laut der Studie bis zum Jahr 2022 auf das 1,2-fache der Euro-6-Norm gesenkt werden.
Offiziell dürfen Autos 80 Milligramm Stickoxid (NOx) pro Kilometer ausstoßen. Dies gilt für neu zugelassene Diesel seit dem Herbst 2015. Derzeit ist der NOx-Ausstoß laut ICCT im Alltag bei Euro-6-Wagen durchschnittlich bis zu sieben Mal höher als erlaubt.
Im Zentrum des Diesel-Skandals steht die Erkenntnis, dass Autos unter Laborbedingungen sehr viel weniger Schadstoffe ausstoßen als auf der Straße. Ab September 2017 sind deswegen sogenannte RDE-Tests mit mobilen Messgeräten auf der Straße in der EU Pflicht. Sie deckten aber nicht alle Fahrbedingungen des realen Alltagsbetriebs ab, kritisierte Peter Mock, der Geschäftsführer des ICCT in Europa. Dazu gehörten hohe und niedrige Temperaturen sowie schnelles Fahren. Außerdem dürften Hersteller vorbereitete Prototypen testen lassen. (APA, dpa, TT.com)
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