Werner Herzog: „Hollywood ist nicht das Zentrum aller Dinge“ 1

Wien (APA) - In seiner Wahlheimat USA genießt Werner Herzog bei einer jüngeren Generation Kultstatus. Hierzulande wird der Autorenfilmer bis...

Wien (APA) - In seiner Wahlheimat USA genießt Werner Herzog bei einer jüngeren Generation Kultstatus. Hierzulande wird der Autorenfilmer bis heute vorrangig mit abenteuerlichen Meisterwerken wie „Fitzcarraldo“ (1982) und seiner Hassliebe zu Klaus Kinski assoziiert. Eine gestern, Donnerstag, eröffnete Retrospektive im Metro Kinokulturhaus in Wien bringt bis 1. März erstmals sein Gesamtwerk auf die Leinwand.

APA: Sie sind bekannt als ein Mensch, der ungern zurückschaut. Wie geht es Ihnen mit Retrospektiven wie dieser?

Werner Herzog: Was hier in Wien stattfindet, ist ungewöhnlich. Dies ist der erste Ort weltweit, der alle meine Filme zeigt, weit über 60. Ich schaue mir ja nicht all meine Filme einen ganzen Monat lang an, sondern bin nur zur Eröffnung hier und spreche mit dem Publikum. Mehr sollte es auch nicht sein für denjenigen, der die Filme gemacht hat.

APA: Vermeiden Sie es weitgehend, Ihre früheren Filme zu sehen?

Herzog: Ich sehe sie fast nie. Manchmal gibt es Anlässe, wo ich neugierig bin, weil ein Film, den ich vor über 40 Jahren gemacht habe - „Auch Zwerge haben klein angefangen“ - plötzlich in einer Strafvollzugsanstalt läuft. Da wird der Film völlig anders gesehen und aufgenommen.

APA: Ärgert es Sie, im deutschsprachigen Raum noch immer vor allem mit Ihren Werken aus den 70er- und 80er-Jahren assoziiert zu werden?

Herzog: Das kommt daher, dass Publikum und Medien meine letzten 40, 45 Filme nicht gesehen haben. Insofern starren sie wie das Kaninchen auf die Schlange auf die paar Filme, die ich mit Kinski gemacht habe. Aber das ist okay so.

APA: In den USA genießen Sie unter neuen, jungen Fans mittlerweile Kultstatus. Wissen Sie, wann und warum das angefangen hat?

Herzog: Ich weiß nicht, wie so ein Status sich ergibt, aber ich glaube, dass eine Veränderung dadurch gekommen ist, dass meine Filme auf einmal über das Internet verfügbar sind. Auf einmal sind es die 12-, 15-, 17-Jährigen, die sich ganz intensiv mit Fragen an mich wenden zu einem Film, den ich zu einem Zeitpunkt gemacht habe, als ihre Eltern noch nicht mal geboren waren. (lacht)

APA: Kennen Sie so würdigende Online-Videos oder Filme wie „Ich und Earl und das Mädchen“, in dem Teenager Ihre abenteuerliche Art zu drehen und Ihr Voiceover in bayerisch gefärbtem Englisch imitieren?

Herzog: Ja, in dem Film zeigen sie auch Ausschnitte aus meinen Filmen, oder? Es gibt so viele Leute, die im Kinobereich arbeiten, weil sie einen Film von mir gesehen haben. Der Komponist Hans Zimmer hat etwa von einem Tag auf den nächsten bei seiner Popband gekündigt und ist Komponist geworden, nachdem er „Fitzcarraldo“ gesehen hat. Er hat mir selbst gesagt: „Wenn es jemanden gibt, der solchen Mut hat, so einen Film zu machen, dann kündige ich heute und werde Komponist.“ Er hat mir auch für „Rescue Dawn“ kostenlos die Musik geschrieben, aufgenommen und gemischt. Nachdem klar war, dass ich dann Schenkungssteuer zahlen müsste, habe ich ihm einen Dollar überwiesen.

APA: Hans Zimmer ist nun selbst schon lange im Geschäft. Wie verhält es sich mit aufstrebenden Filmemachern, die es Ihnen gleichtun wollen?

Herzog: In den letzten 20 Jahren hat sich eine riesige Lawine angehäuft an jungen Leuten, die bei mir lernen oder mit mir arbeiten wollen. Ein Gespräch mit mir in der Royal Albert Hall in London mit 3.000 Sitzplätzen war innerhalb von elf Minuten ausverkauft. Ich versuche, diesen riesigen Mengen an Leuten eine systematischere Antwort zu geben, deswegen habe ich meine eigene Filmschule gegründet, die „Rogue Film School“, die Schurkenfilmschule. Ich nehme in der Regel Leute, deren Filme zwar nicht besonders gut sind, die aber was Besonderes haben, das ich noch nie gesehen habe, wo man merkt: Da brennt einer.

APA: Es gibt also einen Wunsch nach einer Alternative zum US-Studiosystem?

Herzog: Ich glaube, ja! Ich bin aber gar nicht die Alternative. Alles andere ist ja marginal und bizarr im Vergleich zu dem, was ich mache. Auch Hollywood ist nicht das Zentrum aller Dinge; das, was ich mache, ist eher das Zentrum. „Fitzcarraldo“ kann ein Studio auch mit 300 Mio. Dollar Budget nicht machen, weil keine Versicherung einen solchen Film übernehmen würde. Auch Aufnahmen wie jene von Timothy Treadwell in „Grizzly Man“ kann Hollywood mit Milliardenbudgets nicht herstellen - der hat dafür elf Jahre lang unter Grizzlybären gelebt.

APA: Für Ihren jüngsten Dokumentarfilm „In den Tiefen des Infernos“ haben Sie abermals auf Vulkanen gedreht. Fühlen Sie sich dem Vulkanologen im Film, Clive Oppenheimer, insofern nahe, dass Sie sich der Gefahren bewusst sind, aber immer überlegen, ob es sich lohnt, diese einzugehen?

Herzog: Ich war immer professionell in der Abwägung von Risiken. Sie dürfen da nicht drauf hinhorchen, wie ich in den Medien dargestellt werde - als der halsbrecherische Abenteurer, der seine Teams und Schauspieler an den Rand des Verderbens bringt. Ich habe einen statistischen Beweis, dass ich professionell und klug vorgehe. In 70 Filmen ist kein einziger Schauspieler verletzt worden. Es hat Verletzte gegeben, aber im technischen Team, und normalerweise war ich der Erste, der etwas abbekommen hat. (lacht)

APA: Gab es dennoch Momente wie bei Ihrem ersten Vulkan-Film „La Soufrière“ (1977), wo Sie rückblickend sagen: Das hätte schiefgehen können?

Herzog: Zweimal in meinem Leben habe ich blind Lotterie gespielt: Die gesamte Südseeinsel Guadeloupe wurde damals wegen des drohenden Vulkanausbruchs evakuiert, es gab 1.400 Erdstöße die ganze Nacht über und es sah nicht gut aus. Ich habe Ton und Regie gemacht und hätte auch alleine mit der Kamera losgehen können, aber zwei Kameraleute wollten mitkommen. Sobald wir abgedreht haben, sind wir geflohen. Der Berg ist aber nie explodiert. Anders als in Indonesien, wo wir kürzlich an einem aktiven Vulkan gedreht haben. Der Vulkanologe sah mit dem Feldstecher, dass es Abbrüche von riesigen Steinen gab, die hinunterrollten, und sagte mir: Ich gebe euch 60 Sekunden, dann explodiert das Ding. Wir haben das on camera. Wenige Tage später ist derselbe Berg viel heftiger explodiert und sieben Bauern, die genau dort gearbeitet haben, wo unsere Kamera stand, sind ums Leben gekommen.