Hannes Reichelt: „Der Abfahrt droht das Abstellgleis“
Hannes Reichelt könnte am Samstag (12.30 Uhr, ORF eins) als Erster zum sechsten Mal in Folge auf das Podest der Wengen-Abfahrt fahren. Kritisch blickt der 36-jährige Wahl-Tiroler im TT-Interview auf das Weltcup-Geschehen.
Herr Reichelt, Sie waren jetzt fünfmal in Folge in der Lauberhornabfahrt am Podest. Was macht die Beziehung Wengen und Hannes Reichelt so besonders?
Hannes Reichelt: Ich weiß gar nicht, was der Rekord ist (lacht). Mir taugt die Abfahrt einfach. Wenn es fair abläuft, dann ist hier immer viel möglich. Im letzten Jahr (Platz zwei, Anm.) hatte ich ja auch Glück, weil ich halbwegs durch den Nebel durchgefunden habe. Kurz nach mir wurde dann unterbrochen.
Der Haneggschuss wurde heuer mit einem Sprung entschärft. Bleibt die Strecke dennoch dieselbe?
Reichelt: Es ist nicht viel anders, nur weil da ein Sprung drinnen ist. Mir taugen die Kurven und Eigenheiten der Strecke, wie das Brüggli-S. Es ist einfach alles drinnen, vor allem die langgezogenen Kurven. Die ganze Strecke herunter gibt es keinen Rhythmus. Und das ist ja das Spezielle an den Klassikern: Es ist keine Kurve wie die Kurve davor.
Das gilt wohl auch auf der verkürzten Strecke, auf der Sie 2016 Zweiter wurden.
Reichelt: Natürlich. Dann fehlt ja nur der obere Teil. Die Strecke bleibt sonst gleich.
Nach der Operation an der Lendenwirbelsäule im September kamen Sie im bis dato letzten Speed-Rennen Ende Dezember, dem Super-G von Santa Caterina, auf Rang zwei. Sind Sie wieder dort, wo Sie sein wollen?
Reichelt: Körperlich, von der Ausdauer her, bin ich bei 100 Prozent. Skifahrerisch fehlt mir noch die Konstanz. Und technisch läuft nicht jeder Schwung perfekt ab. Es gibt immer wieder kleine Geschichten, die sich einschleichen. Das sagt aber nicht, dass ich nicht gut drauf bin. Der Super-G von Santa Caterina war sehr positiv. Leider ist die Abfahrt nicht ausgetragen worden. Und jetzt ist doch wieder einiges an Zeit vergangen, wo der Flow, den ich mir erarbeitet habe, unterbrochen wurde.
Wie groß ist der Ärger darüber, dass die Abfahrt von Santa Caterina nicht nachgetragen wird?
Reichelt: Es wäre gescheiter gewesen, wenn wir das Rennen zwei Tage später ausgetragen hätten. Es ist eine wirtschaftliche und politische Sache – aber zu diesem Zeitpunkt Rennen zu fahren ist für uns sehr wichtig. Die Leute sitzen daheim, schauen fern. Da hat man die höchsten Einschaltquoten, da ist das Interesse da. In Kvitfjell (NOR, eine Abfahrt wird dort im Februar nachgeholt, Anm.) nach der WM interessiert sich keiner mehr dafür. Alle Rennen, die man vor Kitzbühel reinpackt, sind brutal wichtig. Und wie viel Abfahrten waren bisher?
Sie sprechen die Absagen an. Erst zwei von fünf Abfahrten wurden ausgetragen.
Reichelt: Genau, zwei Abfahrten waren bisher in der Weltcup-Saison. Und jetzt ist es bereits Mitte Jänner. Das ist eigentlich ein Skandal. Da muss etwas geändert werden. Wie viel Slaloms und Riesentorläufe wurden im Vergleich schon ausgetragen? Da passt das Verhältnis nicht mehr. Da müssen sich die Verantwortlichen etwas einfallen lassen.
Sie haben als Athletensprecher schon mehrmals ein fehlendes Gleichgewicht zwischen Speed- und Technikrennen angesprochen.
Reichelt: Das Gleichgewicht stimmt so oder so nicht. Und wenn man sich die Rennpläne der nächsten Jahre ansieht, wird es nicht besser. Es ist schade, weil du als Speed-Fahrer nicht den Funken einer Chance auf den Gesamtweltcup hast. Und es ist für uns auch schwierig, ein ähnliches Preisgeld wie die Techniker zu verdienen. Weil wir weniger Rennen haben. Wenn die nach der WM nachgeholt werden, steht oft in den Verträgen, dass wir weniger Geld bekommen. Weil das Interesse nicht mehr so groß ist. So wie es sich derzeit entwickelt, droht Abfahrt und Super-G das Abstellgleis. Riesentorlauf und Slalom auszutragen ist bei Weitem nicht so aufwändig.
Während der Rennen in Wengen finden in Kitzbühel die ersten Abfahrtstrainings für den Europacup am Montag statt. Ein Nachteil für die Weltcup-Fahrer?
Reichelt: Sie fahren nur den Steilhang als heikle Passage. Traverse und Mausefalle sind nicht dabei, und das macht die Abfahrt ja riskant. Uns gegenüber ist es vielleicht ein kleiner Nachteil. Ich bin aber schon so oft runtergefahren, das ist kein Problem. Und für uns hat es auch einen Vorteil: Wir sind nicht mehr die Testpiloten und wissen, wie die Strecke beieinander ist. Wir haben uns Videos vom Steilhang angesehen, da habe ich beim Fahrer fast die Bandscheiben herausspringen sehen. Für die Europacup-Fahrer ist die Strecke sehr schwierig.
Letztes Jahr kamen Sie in Kitzbühel schwer zu Sturz, kamen mit Prellungen aber glimpflich davon. Wie sehr ist das noch im Kopf?
Reichelt: Die Brezen habe ich sicher noch ein bisschen in Erinnerung. Aber ich kann mir nichts vorwerfen, außer dass ich vielleicht zu viel riskiert habe. Am Ende ist zu viel gegen mich gelaufen. Lass eine gute Sicht sein, dann ist das kein Problem. Aber da haben wir jetzt das Flutlicht, dann ist das kein Problem.
Viele werden sich fragen: Nach so vielen Stürzen und Verletzungen, wieso tut sich das der Reichelt mit 36 Jahren noch an? Ihre Antwort?
Reichelt: Ich gebe zu: Ich habe schon die Tendenz, dass ich es gemütlicher angehe und mich nicht stresse (lacht). Aber wenn man nicht 100 Prozent gibt, dann fährt man hinterher. Ich merke immer wieder, dass ich mich extrem motivieren muss. Ich muss riskieren, damit ich vorne mit dabei bin. Im Super-G von Santa Caterina ist mir das gelungen. Der Rhythmus wäre da gewesen, dann fiel leider die Abfahrt weg. Das macht es schon schwierig mit 36.
Und wie halten Sie in der Pause die Rennform?
Reichelt: Indem ich im Training immer am Limit fahre.
Das Gespräch führte Roman Stelzl
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