Protest gegen Isaak-Kathedrale-Übernahme durch russische Amtskirche
St. Petersburg (APA) - Die geplante Übergabe der seit 1931 als Museum verwendeten Isaak-Kathedrale in St. Petersburg an die russisch-orthodo...
St. Petersburg (APA) - Die geplante Übergabe der seit 1931 als Museum verwendeten Isaak-Kathedrale in St. Petersburg an die russisch-orthodoxe Kirche stößt auf massiven Widerstand. Mehr als 400 Petersburger haben am Freitagabend halblegal gegen diese von Gouverneur Georgi Poltawtschenko verkündete Entscheidung demonstriert. In seiner Geschichte stand das Gebäude formal stets im Besitz des Staates.
Neben Forderungen nach einem Rücktritt des Gouverneurs wurde dabei auch heftige Kirchenkritik artikuliert. „Ich bin dagegen, dass die Isaak-Kathedrale einfach diesen Gegnern der Aufklärung überlassen wird“, sagte der pensionierte Schifffahrtskapitän und bekennende Atheist Sachar am Freitag. Die Kathedrale sei ein städtisches Museum und dies solle so bleiben, erklärte der 77-Jährige gegenüber der APA.
„Poltawtschenko und Patriarch Kirill haben sich getroffen und eine Übereinkunft geschlossen. Warum haben sie uns nicht gefragt?“, empörte sich kurze Zeit später die knapp 60-jährige Lidija Iwanowna. Der Glaube und unsere Geistlichen sollten die Menschen zusammenbringen, die russisch-orthodoxe Kirche würde jedoch zerstören und die Gesellschaft spalten, kritisierte die Angestellte am Rande einer Kundgebung gegenüber der Kathedrale. Offiziell handelte es sich am Freitag um ein improvisiertes Treffen mit oppositionellen Stadtparlamentariern, an dem etwa 400 Petersburger teilnahmen.
Die vergleichsweise geringe Anzahl an Demonstranten, die mehrheitlich der älteren Generation angehörten, lässt sich mit dem repressiven russischen Demonstrationsrecht erklären: Das Treffen wurde vor allem durch Mundpropaganda angekündigt und hätte von der Polizei jederzeit zur nicht genehmigten Demonstration erklärt und gewaltsam aufgelöst werden können.
Die russisch-orthodoxe Kirche, deren realpolitischer Einfluss seit einigen Jahren deutlich zunahm, bemüht sich landesweit um historische Immobilien. Bereits in der Vergangenheit war in St. Petersburg wiederholt die Rede vom kirchlichen Wunsch gewesen, neben anderen als Museen benutzte Kirchen auch die imposante Isaak-Kathedrale zu übernehmen. 2015 war letzteres jedoch von der Petersburger Stadtregierung abgelehnt worden; in seiner Geschichte stand das Gebäude formal immer im Besitz des Staates.
Der Petersburger Metropolit Warssonofi, ein vom Moskauer Patriarchen unterstützter Hardliner, ließ aber nicht locker. Nach einem Treffen zwischen dem Patriarchen Kirill und Gouverneur Poltawtschenko, der nach einer Vergangenheit beim KGB nun seinen russisch-orthodoxen Glauben betont, stellte der Stadtchef seine Bevölkerung am 10. Jänner überraschend vor vollendete Tatsachen: Das Kulturdenkmal aus dem 19. Jahrhundert, das neben seiner Funktion als städtisches Museum seit dem Zerfall der Sowjetunion auch wieder für Gottesdienste verwendet werden kann, soll der Kirche überschrieben werden.
Für zusätzlichen Unmut sorgte eine Modifikation des Plans, die nach einer ersten Protestwelle verkündet wurde: Ein Vizegouverneur sprach nunmehr von einer angedachten Gratisvermietung für eine Dauer von 49 Jahren. Die Stadt würde weiterhin im Besitz der Kathedrale bleiben und mit Steuergeldern für seine Erhaltung aufkommen, die Kirche würde jedoch de facto die völlige Kontrolle übernehmen. Kritiker sahen darin eine Vermengung von Kirche und Staat, die in der russischen Verfassung nicht vorgesehen sei. Derzeit finanzieren sich kostenintensive Renovierungen des klassizistischen Kuppelbaus durch den Verkauf von Eintrittskarten in das Museum, das einen herrlichen Blick auf die Zarenmetropole ermöglicht und in einer Dauerausstellung seine bewegte Geschichte dokumentiert.
Mit einem Abschwellen der Proteste ist einstweilen nicht zu rechnen und Unmutsbekundungen über die geplante Übernahme waren in den vergangenen Tagen in Petersburg omnipräsent. Auf der Internetplattform change.org haben 180.000 Benutzer eine Resolution gegen den Plan angeklickt, für den 28. Jänner haben Vertreter der Petersburger Zivilgesellschaft eine reguläre Demonstration angekündigt. Die lokale Vereinigung der Museumsarbeiter erklärte, dass die Übernahme durch die Kirche zur Zerstörung des Museums führen würde. 2016 hätten 2,3 Millionen Menschen das Museum besucht, jene 640 Gottesdienste im Gebäude seien im vergangenen Jahr von durchschnittlich bloß 30 Gläubigen besucht worden.
Petersburger Medien rätselten in den vergangenen Tagen über die Motive der Entscheidung, über die sich laut „Delowoj Peterburg“ nicht nur unbeteiligte Beobachter, sondern auch Mitarbeiter der Stadtregierung gewundert hätten. Gouverneur Poltawtschenko gilt nach einer Serie von Skandalen als angezählt. Zuletzt hatten sich Medien insbesondere mit der Kostenexplosion beim Bau eines städtischen Fußballstadiums für die WM im Jahr 2018 beschäftigt, dessen Fertigstellung sich massiv verschoben hat.
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