Die Rettung einer verlorenen Seele
Im Kinodrama „Manchester by the Sea“ erzählt Kenneth Lonergan von einem Hausmeister, den eine Tragödie aus der Bahn geworfen hat und der gezwungen ist, in die Hölle der Erinnerungen zurückzukehren.
Von Peter Angerer
Innsbruck –Als Hausmeister muss Lee Chandler (Casey Affleck) in Boston vier Gebäude betreuen. Er schaufelt den Schnee von den Wegen, pumpt verstopfte Toiletten frei, repariert Lampen und illegal auch Abflussrohre. Obwohl an seiner Arbeit nichts auszusetzen ist, beschweren sich die Mieter bei der Hausverwaltung, die allerdings nie wieder einen solchen Hausmeister zum Mindestlohn finden wird. Besuche in der Kneipe enden wegen Nichtigkeiten meistens mit einer Schlägerei. Der Hintergrund der sozialen Unverträglichkeit liegt wahrscheinlich an den Wohnverhältnissen, denn abends zieht sich Lee in seine karge Zelle zurück, die aber in keinem Gefängnis liegen kann, da sich sofort eine Menschenrechtsorganisation einschalten würde, um diese unwürdige Unterbringung zu beenden.
Lee ist ein Mann mit gebrochenem Herzen, der sich für irgendetwas bestraft. Sein einziger Besitz sind neben einigen Pullovern drei Fotografien in Holzrahmen, die jedoch nie von vorne zu sehen sind. Nach über zwei Stunden erahnt jeder Zuschauer von Kenneth Lonergans „Manchester by the Sea“ die dargestellten Motive oder möglichen Personen auf den Bildern, und das Brechen der Kinoherzen ist buchstäblich zu hören.
Es sind die so genannten kleinen Leute, die in den Filmen (und Theaterstücken) von Kenneth Lonergan („You Can Count on Me“) durch familiäre Schicksalsschläge, banale Verfehlungen und Verluste aus dem Leben geworfen werden und sich am Ende durch unscheinbare und ebenso überraschende Bekundungen von Solidarität retten können.
In „Manchester by the Sea“ ist es das Herz von Joe (Kyle Chandler), das zu schlagen aufhört und den jüngeren Bruder aus dem Hausmeistertrott in Boston reißt. Als nächster (erwachsener) Angehöriger soll er sich in der Fischerstadt Manchester by the Sea um die Formalitäten kümmern, die bei einem Todesfall verlangt werden. In der Kleinstadt erschauern manche Passanten auf der Straße bei seinem Anblick, da bleibt immer noch die Möglichkeit, Lee sei wegen irgendwelcher Leistungen oder Ereignisse zu einem lokalen Mythos geworden. Mit Entsetzen reagiert Lee bei der Testamentseröffnung auf die ihm von seinem Bruder zugewiesene Aufgabe, die Vormundschaft für dessen Sohn Patrick (Lucas Hedges) zu übernehmen. Mit dem 16-Jährigen verbinden ihn zwar durchwegs angenehme Erinnerungen an bessere Tage auf dem Meer, doch die Aufgabe würde seine ständige Anwesenheit und damit den Wechsel von der selbst gewählten Zelle in die Hölle aus Erinnerungen erfordern. Dort wohnt noch immer seine Exfrau Randi (Michelle Williams), die wie Lee an der gemeinsam erlebten Tragödie zerbrochen ist, nach Jahren der Verzweiflung aber wieder an Leben und Gesellschaft teilnehmen möchte.
„Manchester by the Sea“ erzählt Lees Geschichte in Rückblenden, die Kenneth Lonergan wie Faustschläge in die Magengrube daherkommen lässt, und bisweilen wundert man sich, wie der von solchen Erinnerungen Heimgesuchte beim Autofahren die Spur halten kann. Es wird (fast) nichts ausgesprochen und die langen Minuten des Schweigens sorgen mal für Komik, wenn Lee seinem Neffen für eine halbe Stunde durch lockeren Smalltalk mit der Mutter seiner Freundin den Rücken freihalten soll, mal für Beklemmung, wenn die Sprache im zugeschnürten Hals erstickt. Das klingt nach einer Studie über Depression; durch die indirekte Erzählweise wird daraus eine Entdeckungsreise durch die verschlungenen Pfade einer verlorenen Seele.