Fußball: Basaksehir stellt Istanbuls Hackordnung vorerst auf den Kopf

Istanbul (APA/dpa) - In Medipol Basaksehir ist ein Außenseiter in der Süper Lig auf dem Weg, die Phalanx der Spitzenclubs Besiktas, Fenerbah...

Istanbul (APA/dpa) - In Medipol Basaksehir ist ein Außenseiter in der Süper Lig auf dem Weg, die Phalanx der Spitzenclubs Besiktas, Fenerbahce und Galatasaray zu durchbrechen. Nach Saison-Halbzeit der türkischen Fußball-Meisterschaft thront der kleine Verein aus Istanbul einen Zähler vor Titelverteidiger Besiktas an der Tabellenspitze. In 17 Runden blieb Basaksehir bei elf Siegen und sechs Unentschieden ungeschlagen.

Trotz des Erfolgs polarisiert der Verein, der erst 2014 als Nachfolger von Istanbul Büyüksehir Belediyespor gegründet wurde und dessen Zuschauerschnitt sich bei rund 3.000 Besuchern einpendelt. Vor allem aufgrund seiner Nähe zur islamisch-konservativen Regierungspartei AKP und zum Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan gilt er bei Beobachtern als Paradebeispiel für die zunehmende Politisierung des türkischen Fußballs.

Vereinspräsident Göksel Gümüsdag ist mit einer Nichte der Ehefrau Erdogans verheiratet, bei der Hochzeit war der Staatspräsident Trauzeuge. Für den Bau des 2014 fertiggestellten Fatih-Terim-Stadions bekam das Unternehmen Kalyon den Zuschlag, dessen Eigentümer als enger Vertrauter Erdogans gilt. Gleiches gilt für den Inhaber des Krankenhausbetreibers Medipol, der als Hauptsponsor und Namensgeber des Vereins fungiert.

Zum Eröffnungsspiel des neuen, mehr als 17.000 Zuschauer fassenden Stadions im westlich des Bosporus gelegenen gleichnamigen Stadtteils Basaksehir lief Erdogan persönlich ein. Die Rückennummer 12, die er dabei trug, wird seitdem an keinen Spieler mehr vergeben. Wie sich diese Nähe zwischen Politik und Verein außerdem auswirken kann, zeigte sich Anfang Dezember. Da die türkische Lira an Wert verliert, rief Erdogan das Volk dazu auf, Devisen in Lira umzuwandeln, um die Landeswährung wieder zu stabilisieren. Wenige Tage danach gab Basaksehir bekannt, alle Spieler und Mitarbeiter nicht mehr in Dollar, sondern nur noch in Lira zu bezahlen.

Rein sportlich gesehen kann Basaksehir als Gegenentwurf zur Istanbuler Konkurrenz gesehen werden. Von finanziellen Risiken hält man beim Club ebenso wenig wie von traditionellen Mustern. Wohl deshalb, weil Vorgänger Büyüksehir Belediyespor selbst erst 1990 ins Leben gerufen wurde. „Wir sind ein neuer Verein mit einer modernen Herangehensweise. Vereine der Süper Lig denken kurzfristig. Wir haben Langzeitpläne“, sagte Geschäftsführer Mustafa Erogut gegenüber ESPN.

Trainer Abdullah Avci ist seit 2014 wieder bei jenem Club, den er schon von 2006 bis 2011 betreut hatte. Dazwischen war der 53-Jährige als Teamchef der Türkei tätig. Nun hat in den vergangenen Saisonen eine schlagkräftige Mannschaft aufgebaut. Während die drei Großen der Liga regelmäßig auf der Jagd nach internationalen Stars mit großen Namen sind, setzt Basaksehir auf günstige Transfers, die ins System passen.

Der 36-jährige Kapitän und Führungsspieler Emre Belözoglu, einst bei Inter Mailand oder Newcastle tätig, bekam bei Fenerbahce keinen neuen Vertrag mehr und musste gehen. Torjäger Mehmet Batdal konnte sich einst bei Galatasaray nicht durchsetzen. Der erfahrene Abwehrchef Yalcin Ayhan (34) hatte eigentlich schon bei Besiktas unterschrieben, wurde dort aber nach Fan-Protesten wieder abgeschoben.

Sogar in die Nationalelf von Teamchef Fatih Termin geschafft hat es Torhüter Volkan Babacan. Der 28-Jährige hat in dieser Saison erst elf Gegentore hinnehmen müssen. Basaksehir ist in dieser Statistik ebenso die Nummer eins wie gemeinsam mit Fenerbahce bei den geschossenen Toren (36).

Abseits des Spielfelds treibt Basaksehir den Bau einer topmodernen Jugendakademie voran. „Nicht irgendeine, sondern eine der besten. Und dafür arbeiten wir mit erfahrenen Clubs zusammen“, betonte Erogut. So liefere beispielsweise Atletico Madrid das nötige Know-how. Vom Titel will man indes weiter nichts wissen. „Wir werden niemals den Fehler machen, uns vom Wort Meisterschaft blenden zu lassen“, sagte Trainer Avci, der gleichsam betonte: „Aber es ist Tatsache, dass wir uns jede Saison weiterentwickelt haben. Daran arbeiten wir.“