Der Schritt in die Befreiung
Eleonore Bürcher steht ab heute in Thomas Bernhards „Am Ziel“ auf der Bühne des Kellertheaters. Ein Gespräch über Preise, Pension und die Panik vor Premieren.
Von Joachim Leitner
Innsbruck –Vor der Uraufführung von Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ nahm sich Hauptdarsteller Bruno Ganz eine beinahe einjährige Bühnenauszeit, um sich die umfangreichen Monologe anzueignen. Eleonore Bürcher wollte es ihrem Landsmann im Vorfeld der Kellertheaterproduktion von Bernhards „Am Ziel“ gleichtun. „Seit Februar letzten Jahres habe ich Text gelernt, seit April mit Regisseur Manfred Schild an der Strichfassung gearbeitet“, erzählt die 1948 in Brig im Schweizer Kanton Wallis geborene Schauspielerin.
Dann allerdings kam der Beschäftigung mit Bernhard der Bernhart dazwischen. Die Macher des freien Theaterfestivals boten ihr vergleichsweise kurzfristig eine Rolle in Toni Bernharts „Aeneis“ an. Bürcher sagte zu: „Eine Kollegin fiel aus und der Text hat mich gereizt.“ Noch reizvoller als der Text sei das Projekt an sich gewesen: „Etwas Vergleichbares gab es in Innsbruck noch nicht, die zeitgenössische Erforschung eines historischen Stoffes und eines historischen Raumes, dazu die kreative Energie eines jungen Ensembles. Es war eine beflügelnde Erfahrung.“
Doch beflügelt hin oder her, nervös war Eleonore Bürcher vor jeder Aufführung. Und sie wird es auch vor der heutigen „Am Ziel“-Premiere sein: „Es ist jedes Mal anders und doch immer das Gleiche, man ringt mit der Panik, fragt sich: ,Warum mach’ ich den Scheiß überhaupt?‘“ Die Angst vor dem eigenen Ungenügen spiele immer mit, wenn sie auf der Bühne stehe, sagt die 68-Jährige. Selbst bei Proben. „Wenn ich Kollegen sehe, die vieles scheinbar aus dem Stand abrufen können, beeindruckt mich das. Für mich ist es ein schwerer, oft schmerzhafter Prozess, mir eine Rolle zu erarbeiten.“
Dieser Unsicherheit lasse sich weder mit Routine beikommen noch mit dem Verweis auf die vielen gefeierten Auftritte oder Auszeichnungen wie den „Nestroy“-Publikumspreis, der Bürcher 2011 zugesprochen wurde. Persönlich entgegengenommen hat sie die Auszeichnung damals nicht. Nicht etwa aus Koketterie, „sondern weil ich in solchen Situationen nichts mit mir anzufangen weiß“.
Nur eine Produktion habe es im Lauf von über 40 Bühnenjahren gegeben, die ihr alle Panik ersparte: Bei „Bernarda Albas Haus“ – der Klassiker war 2015 am Tiroler Landestheater zu sehen – sei sie erstmals nicht aufgeregt gewesen. Obwohl ihr ihre Rolle, das „Muttermonster“ Bernarda Alba, „völlig fremd“ gewesen sei – und einiges abverlangt habe.
Der Grund dafür muss hinter den Kulissen gesucht werden: „,Bernarda‘ war für mich der Schlussstrich unter einer Geschichte, die ich als Kränkung empfand“, sagt Bürcher. Was war passiert? Seit 2014 ist die oft als „Grand Dame“ des Landestheaters beschriebene Schauspielerin, die 1981 nach Engagements in Münster und Solothurn in Innsbruck ankam, nur noch Gast am Haus. Bereits zuvor – seit dem Intendantenwechsel von Brigitte Fassbaender zu Johannes Reitmeier – habe sie sich zunehmend an den Rand gedrängt gefühlt. „Mehr oder weniger direkt wurde mir die Pension nahegelegt“, erklärt sie. Ihr sei klar, dass es ab einem gewissen Alter weniger Rollen gebe – und die Notwendigkeit von Veränderung sehe sie auch. Trotzdem sei es schmerzhaft zu spüren, „dass man nicht mehr gebraucht wird und auch nicht mehr gebraucht werden will“. Nachdem ihr offizielles Ausscheiden spruchreif war, „kam der Schritt auf die Bühne einer Befreiung gleich“. Ein Hauch von Enttäuschung freilich ist geblieben: „Ins Landestheater gehe ich nur noch, wenn ich dort engagiert bin.“ Was schon bald der Fall ist: In Nestroys „Lumpazivagabundus“ wird sie gleich mehrere kleinere Rollen spielen. Die Proben beginnen im Februar.
Die Unsicherheiten ihres Metiers hat Eleonore Bürcher, die sich in den 1960er-Jahren als erstes Mädchen im Wallis die Möglichkeit der Matura am Gymnasium gegen bischöfliches Veto erstritt, bereits früher kennen gelernt: „Schon nach wenigen Jahren in Innsbruck verdichteten sich die Indizien, dass mein Vertrag nicht verlängert würde. Da bekam ich es mit der Angst zu tun. Ich war Anfang dreißig, hatte kaum Kontakte zur so genannten Szene und kein Talent zur Netzwerkerin. Also suchte ich ein zweites Standbein – und begann Vergleichende Literaturwissenschaft zu studieren.“
Tipp:
Thomas Bernhard: Am Ziel
Ab Donnerstag im Innsbrucker Kellertheater
Beginn: 20 Uhr.
1989 schloss Bürcher ihr Studium ab. Es habe danach die Möglichkeit gegeben, an einer Privatschule in Engelberg in der Schweiz zu unterrichten. „Beinahe hätte ich zugesagt“, erzählt Bürcher. Dann allerdings habe sie in Tennessee Williams’ „Endstation Sehnsucht“ die Rolle der Blanche gespielt. Und die habe ihre Liebe zum Theater neu entfacht. Aller Nervosität und Premierenpanik zum Trotz.