Blick von Außen

Werte und Ethik in einer globalisierten Welt

Symbolbild.
© AP Photo/Courtesy of Earth Scien

Von Helmut Reinalter...

Von Helmut Reinalter

Fragen der Ethik, der Tugenden und Werte stoßen heute auf zunehmendes Interesse, weil die Diskussionen über Sinn- und Orientierungskrisen und die Krise der Aufklärung und Vernunft an Intensität zugenommen haben, die Folgen der Globalisierung und Risikogesellschaften deutlich hervortreten, fortschreitender Wertewandel und Werteverlust beklagt werden und eine Rehabilitierung der praktischen Philosophie erfolgt.

Wesentlich ist in diesem Zusammenhang die Frage, ob Werte in unserer heutigen globalisierten Welt noch zeitgemäß sind. Zweifelsohne stehen wir mitten in einer Phase des Wertewandels, und unter den Bedingungen der Globalisierung bilden sich im Entwicklungsprozess neue Ansätze zu einer globalen Ethik heraus, wie das Projekt Weltethos des Tübinger Theologen Hans Küng, die transkulturelle Ethik von Leonardo Boff oder die planetarische Ethik des Club of Rome verdeutlichen. Die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise manifestiert, dass die Weltwirtschaft unbedingt ethische Maßstäbe braucht, um eine humane Zukunftsgesellschaft gestalten zu können. Richtig verstandene Ökonomie kann heute nur im größeren Rahmen der Kultur gesehen werden. Humanismus und Kapitalismus scheinen sich auf den ersten Blick unversöhnlich gegenüberzustehen. Während der Humanismus auf ethischen Werten aufbaut, die den Menschen in seiner Würde und Ganzheit und als soziales Wesen betrachten, steht im Kapitalismus die Mehrung des wirtschaftlichen Wertes im Zentrum. Der Mensch wird hier auf die Maximierung des eigenen Nutzens reduziert. Aber: Nur wenn die Werte unserer Kultur in der Welt der Globalisierung stärker verankert werden, können wir eine bessere und humanere Zukunft unserer Gesellschaft erwarten.

Wesentliche Grundwerte

Die wesentlichsten Grundwerte unserer Gesellschaft sind heute vor allem das Prinzip der Humanität, die Gewaltlosigkeit und Achtung vor dem Leben, die Menschenwürde und Menschenrechte, die Gerechtigkeit, die Solidarität und die Toleranz. Diese ethischen Grundhaltungen und Maßstäbe für das menschliche Zusammenleben bedürfen im Zeitalter der Globalisierung einer neuen Orientierung. Werte sind für eine humane Entwicklung unserer Gesellschaft von höchster Priorität, zumal ein Wertevakuum die Gefahr darstellt, zum Spielball verschiedenster Kräfte, Ideologien und Bewegungen zu werden.

Auch die ethische Frage nach einem „glücklichen, gelingenden Leben" ist in diesem Zusammenhang wichtig geworden. Dafür gibt es mehrere Gründe: ein wachsendes Bedürfnis nach Orientierung im Zusammenhang mit individueller Lebensführung und die gegenwärtigen philosophischen Diskurse über das „gute Leben". Was macht das Leben überhaupt wertvoll? Es sind bestimmte Verhaltensweisen im menschlichen Zusammenleben, wie Aufrichtigkeit, Redlichkeit, Zuverlässigkeit, Freundschaft, gesundes Leben, Verbundenheit mit der Natur und die so genannten alten Tugenden: Weisheit, Tapferkeit, Gerechtigkeit, Maßhaltung, Friedfertigkeit und Dankbarkeit.

Neue Werte

Es geht bei den „neuen Werten" um einen menschlichen Humanismus, um Menschlichkeit in ihrer kulturellen Vielfalt und um transkulturelle Werte, die wir in unseren Überlegungen berücksichtigen müssen. In diesem Zusammenhang muss auch die Frage gestellt werden, ob man die Entstehung neuer Werte überhaupt prognostizieren kann. Heute findet eine außergewöhnliche Diversifizierung der persönlichen oder kollektiven Suche nach spirituellem Sinn statt. Die Frage ist allerdings, ob die Überzeugungen starke Werte in sich bergen, die sich in der Zukunft als relevant und als Quelle der Erneuerung erweisen können.

Gleichzeitig werden wir auch Zeugen einer anderen Entwicklung. Auch wenn der gesellschaftliche Zusammenhang angesichts der fortschreitenden Globalisierung und der wachsenden Bedeutung einer immer radikaleren Individualisierung bröckelt, die traditionelle Bindungen und etablierte Identitäten zerstört, werden wir Zeugen eines noch nie dagewesenen Aufschwungs neuer Formen der Vergesellschaftung, der Geburt eines neuen Typus von Solidarität. Doch auf welchen Werten basieren diese neuartigen Netzwerke der Affinität, der Bündnisse, der Kommunikation, die von der technologischen Innovation angetrieben werden? Können wir in einer Welt, die immer mehr von wirtschaftlichen Interessen und materialistischen Werten des Konsums, des Hedonismus und der kurzfristigen Befriedigung geleitet ist, das Aufkommen alternativer Werte überhaupt erkennen?

In der Geschichte der Menschheit diente die Technik dem Menschen zum Überleben und die Kultur dem Zusammenleben. Heute hingegen dient die Technik mehr und mehr dem menschlichen Zusammenleben. Und man hat gute Gründe zu fragen: Sichert die Kultur das Überleben? Das Überleben unserer Werte, unserer Gesellschaft? Die Technik wird diese Fragen nicht von alleine lösen können. Nur wenn wir die Werte unserer Kultur in der Welt des technischen Zusammenlebens dauerhaft und immer wieder neu verankern, wird ihre Rolle eine heilsame sein und nicht eine, die unsere Gesellschaft zersplittert und unseren Gemeinsinn zerstört.

Integrität, Offenheit, gesellschaftliche Verantwortung, Respekt — die selbst auferlegten ethischen Programme der großen Wirtschaftsunternehmen erinnern heute auffällig an die wichtigsten Werte der europäischen humanistischen Tradition: das Wohlergehen des einzelnen Menschen und der Gesellschaft sowie der Respekt vor der Würde des Menschen. So muss unsere Welt zu einer Weise des Wirtschaftens gelangen, die nachhaltiger und verantwortungsvoller erscheint. Dieses Umdenken betrifft den Staat, die Unternehmen, die Banken und Bürger gleichermaßen. Gefordert ist ein neues unternehmerisches Ethos. Auf allen Ebenen müssen Instrumente entwickelt werden, mit deren Hilfe die gesellschaftliche Verantwortung gefördert werden kann. Auch die Freimaurerei vertritt und lebt Wertvorstellungen, die für unsere Gesellschaft von großer Bedeutung sind. Ein Grundprinzip stellt die so genannte „Goldene Regel" dar: „Verhalte dich so, wie du erwartest, dass sich deine Mitmenschen dir gegenüber verhalten." Neben dieser Goldenen Regel gibt es noch weitere Grundsätze, die auf humanen und geistigen Werten aufbauen, wie die Anwendung hoher Maßstäbe im sozialen, gesellschaftlichen und beruflichen Leben, die Gewinnung dauerhafter Freundschaften, die Anwendung der „Goldenen Regel" in allen zwischenmenschlichen Beziehungen und die Mitarbeit am Aufbau einer öffentlichen Meinung, um Rechtschaffenheit, Gerechtigkeit und Loyalität in einem freien Staatswesen zu fördern. Hier knüpft das Projekt Weltethos, das vom Theologen Hans Küng entwickelt wurde, an. Im Mittelpunkt dieses Projekts steht der Grundkonsens über gemeinsame Werte, Haltungen und Maßstäbe, die alle Menschen in ihren eigenen Traditionen wiederfinden können. Dass in diesem Zusammenhang dem interreligiösen und interkulturellen Dialog große Bedeutung zukommt, ist evident.

Auch das neue Paradigma internationaler Beziehungen weist wesentliche ethische Voraussetzungen auf, die sich deutlich erkennen lassen. Es bündelt die gemeinsamen religiös-philosophischen Ressourcen der Menschheit, die nicht gesetzlich auferlegt, sondern bewusst gemacht werden. Weltpolitik muss aus Weltverantwortung heraus entstehen. Eine ethisch orientierte Weltpolitik ist keine blinde Unterordnung der Politik unter die Ethik, weil dies der Eigengesetzlichkeit der Politik nicht gerecht und zu einem Moralismus führen würde, der die Ethik überfordert. Die Kunst der Politik in diesem neuen Paradigma besteht darin, das politische Kalkül und das ethische Urteil überzeugend zu verbinden.

Die komplexe Globalisierung ist zweifelsohne heute eine der größten Herausforderungen für die Demokratie. Die Demokratie erhält dadurch neue Dimensionen, die tiefe Veränderungen in der Politik hervorrufen. Daraus ergeben sich im Hinblick auf die Wertediskussion drei Aufgabenfelder, für die ein dringender globaler Handlungsbedarf besteht: eine globale Rechts- und Friedensordnung zur Überwindung der globalen Gewaltgemeinschaft, ein fairer Handlungsrahmen für die globale Kooperationsgemeinschaft, der die Sicherung der sozialen und ökonomischen Mindestkriterien umfasst, und die Klärung bzw. Konkretisierung dessen, was durch Hunger und Armut als Problem gesehen wird — also globale Gerechtigkeit, globale Solidarität und globale Humanität.

Dies alles setzt Toleranz voraus, die nur dann verwirklicht werden kann, wenn die Politik über die Fortschreibung der klassischen Instrumentarien der Machtpolitik hinausgelangt. Die Politik erfüllt diese wichtigen Aufgaben kaum, da sie vor allem auf die Regelung technischer Systemprobleme ausgerichtet ist. Eine wichtige Herausforderung und Aufgabe für die Demokratie der Zukunft ist daher, Politik so zu gestalten, dass sie den Angehörigen der fernöstlichen Kulturen, der islamischen Welt, aber auch Afrikas oder Lateinamerikas nicht als Instrumente der westlichen Hegemonie erscheinen, sondern als Verfahren kultureller Verständigung.

Zur Person

Helmut Reinalter war von 1981 bis 2009 Professor für Geschichte der Neuzeit und Politische Philosophie an der Universität Innsbruck. Er ist auch Dekan der Philosophischen Klasse der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Mitglied des Club of Rome. Helmut.Reinalter@uibk.ac.at