77. Hahnenkamm-Rennen

Kitzbühel-Rennleiter Naglich: “Superlative können langweilen“

© Thomas Boehm / TT

Extrem-Skifahrer, Architekt und einer, der sein Herz auf der Zunge trägt: Axel Naglich (48), Rennleiter der Hahnenkamm-Woche, über Risiko, Kritik, Superlative und die Selbstverantwortung der Athleten.

Von Max Ischia

Kitzbühel –Axel Naglich ist keiner, den man auch nur im Entferntesten in die Nähe der Duckmäuserei drängeln könnte. Im Vorjahr aber, wenige Tage nach der skandalumwitterten und letztlich nach 30 Läufern abgebrochenen Kitzbühel-Abfahrt, stand der Gamsstädter vor einer Zimmertür im Sanatorium Hochrum. Der 48-Jährige tat dies „so groß mit Hut“, wie er sagte, und unterstrich seine Aussage mit einer Geste, bei der er kaum Platz zwischen Daumen und Zeigefinger ließ. Es galt dem auf der Streif verunglückten und bereits operierten norwegischen Superstar Aksel Lund Svindal einen Besuch abzustatten. „Wir waren auf alles gefasst.“ Die Erleichterung folgte auf dem Fuß, als Svindal erst gar nicht auf die Idee kam, nach Schuldigen zu suchen bzw. den Fehler irgendwo anders als bei sich selbst zu orten. „Aksel“, so Naglich, „meinte nur, wir sollen uns keine Sorgen machen. Das sei Profisport.“ Und dass er im Wissen, bis zum Hausberg nicht fehlerfrei gefahren zu sein, viel riskierte. Zu viel riskierte. Nicht jeder der Gestürzten hätte ähnlich entspannt reagiert, aber das seien andere Geschichten.

Dass über der letztjährigen Abfahrt mit all ihren Konsequenzen die Schuldfrage schwebe, sei für Naglich müßig. „Natürlich habe ich mich hundertmal gefragt, was wir hätten besser machen können. Und wir haben eine Handvoll Antworten gefunden und setzen diese heue­r auch um.“

Neben der Installierung eines Flutlichts vor der Schrägfahrt sind das u. a. ein eingebauter Linksschwung vor dem Hausberg und ein sparsamerer Umgang mit den blauen Markierungslinien. Als äußerst effizient hat sich auch der stark limitierte Zutritt für Betreuer, Medienleute etc. auf die Strecke erwiesen. Naglich: „Erst durch das ständige Rutschen entstehen beispielsweise bei der Querfahrt diese Rillen, die sich über die Tage zu gefährlichen Schlägen entwickeln können.“

All die Versuche, das Risiko zu minimieren, würden aber nicht an einem unverrückbaren Faktum rütteln: „Alle wissen, dass es hier saugefährlich ist. Wir betreiben nun einmal einen Freiluftsport, bei dem sich die Wetterverhältnisse auch während eines Trainings oder Rennens ändern können. Dieses Jahr haben wir Glück. Aber wenn wir stets auf blauen Himmel warten, fahren wir alle zehn Jahre ein Rennen. Und ich sage klar: Man kann die Streif auch bei schlechtem Wetter, bei schlechter Sicht fahren. Nur muss man sich eben den Gegebenheiten anpassen“, appelliert Naglich an die Eigenverantwortung der Athleten.

Dass sich der Voyeurismus nur noch mit Superlativen befriedigen lässt, widerspricht der Extrem-Skifahrer, der nicht zuletzt seit dem preisgekrönten Kinofilm „Mount St. Elias“ einem breiten Publikum bekannt ist. „Ich gehe einen Schritt weiter und sage, dass Superlative auch langweilen können. Es kann nicht immer noch schneller, steiler oder gefährlicher werden. Wo kommen wir dann hin? Dass in 20 Jahren im Zielschuss 200 km/h erzielt werden und der Zielsprung 100 m weit geht? Das kann es nicht sein. Das ist Irrsinn.“

Auch der Abfahrts-Klassiker auf der Streif bleibe ein Skirennen. Ein Bewerb, in dem sich der Athlet mit anderen und dem Berg misst. Und solange die Jungs mit 140 Sachen in der Unterwäsch’ in der Gegend runter brennen, ist das gefährlich genug.“

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