77. Hahnenkamm-Rennen

Streif-Vorjahressieger Fill: „Ich war schon immer ein Spätzünder“

Kitz-Abfahrtssieger 2016: Peter Fill.
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In seiner elften Kitzbühel-Abfahrt raste Peter Fill im Vorjahr zur Goldenen Gams. Der Südtiroler über Fehler, Familie, Privilegien und warum der Gesamtweltcup nur mehr auf seiner Homepage als Traum existiert.

Sagen Ihnen die Zahlen 47, 38, 28 etwas?

Peter Fill (denkt nach): Nein, nicht wirklich.

Das waren Ihre ersten Abfahrtsplatzierungen in Kitzbühel in den Jahren 2003, 2004 und 2006.

Fill: Die Streif ist eben eine Strecke, auf der man in der Regel Erfahrung braucht.

Bis auf zwei Top-Ten-Platzierungen (Fünfter 2011, Zehnter 2008) gab es für Sie hier in der Abfahrt nichts zu holen. Umso süßer dürfte Ihr letztjähriger Erfolg – es war Ihre elfte Kitzbühel-Abfahrt – geschmeckt haben?

Fill: Alles, was du dir im Leben hart erarbeiten musst, schmeckt besonders süß. Und ich war schon immer ein Spätzünder.

Ihr Triumph wurde nach den schweren Stürzen und dem Rennabbruch nach 30 Läufern von reichlich Diskussionen begleitet ...

Fill: Kein Athlet will, dass andere stürzen. Aber Reichelt, Svindal, Streitberger – sie alle haben individuelle Fehler gemacht. Stürze gehören eben zu unserem Geschäft, alles andere ist Augenauswischerei. Ich denke schon, dass ich im Vorjahr an diesem Tag der Beste war.

Und diesmal?

Fill: Werde ich alles daran setzen, wieder ganz vorne mitzumischen.

Zu etwas ganz anderem: Wie schwer fällt es dem zweifachen Papa (Leon bald 3 Jahre, Noah 9 Monate, Anm.), immer wieder auf Tour zu gehen?

Fill: Nicht wirklich, weil ich weiß, dass es den Jungs bei Manuela (Langzeitfreundin, seit Mai 2015 Ehefrau) gut geht. Klar, manchmal sagte der Große: „Papa, nicht gehen!“, da wirst du schon sentimental, aber letztlich weiß er, dass ich arbeiten gehe und viel unterwegs bin. Dafür ist das Nachhausekommen umso schöner.

Auch wenn besonders im Winter selten viel Zeit bleibt?

Fill: Dafür nützt du die wenigen Stunden bzw. Tage ganz bewusst. Wie jetzt, als ich von Wengen heimgekommen bin. Weil der Große Mittelohrentzündung hatte und der Kleine ordentlich hustete, meinte Manuela, ich könne auch in einem anderen Zimmer schlafen. Aber das wollte ich nicht. Auch wenn die beiden brutale Mama-Kuschler sind, hat sich Leon irgendwann an mich geschmiegt. Das sind Momente, die schwer zu beschreiben sind. Das gibt mir so viel Energie, dass ich eine unruhigere Nacht leicht verschmerzen kann.

Ihr Teamkollege Christoph Innerhofer hat im Veranstaltungsmagazin des Hahnenkamm-Rennens angemerkt, dass viele Athleten ins Rennfahrerleben quasi hineinwachsen und das privilegierte Leben oft gar nicht zu schätzen wissen ...

Fill: Keine Frage, wir haben einen Traumjob. Wer kann schon um sieben Uhr morgens rauf auf die Berge und dann eine grandiose Aussicht genießen? Es gibt keinen schöneren Arbeitsplatz. Aber erstens bekommst du so etwas nicht geschenkt und zweitens bläst dir manchmal auch ein kalter Wind um die Nase. Und vieles ist halt mit Erfolg bzw. Misserfolg verknüpft. Anders als in anderen Berufen bekommst du im Spitzensport die Rechnung prompt zugestellt. Ein Fehler, ein Sturz, eine schwere Verletzung – von einer Sekunde auf die andere kann vieles anders sein.

Auch Sie hat es ein paar Mal erwischt. Gab es Momente, wo Sie alles hinschmeißen wollten?

Fill: Ja, die gab es, aber das ist schon lange her.

Wie lange?

Fill: Das war noch in den Schülerzeiten. Als ich gemerkt habe, dass ich immer weniger Zeit für meine Freunde und Kollegen hatte. Ich bin trainieren gegangen, sie haben sich einen Spaß gemacht. Aber letztlich haben mir meine Eltern die Augen geöffnet, mir klargemacht, dass wir bereits viel in den Skisport investiert haben und der Weg nach oben eben nur mit harter Arbeit funktioniert.

Auf Ihrer Homepage geben Sie Ihrem Traum einen Namen, und der heißt Gesamtweltcup ...

Fill (schmunzelt): Die Eintragung ist nicht ganz neu. Die große Kugel war immer mein großes Ziel, aber das habe ich mittlerweile aufgegeben. So etwas ist in Italien derzeit nicht möglich.

Wie meinen Sie das?

Fill: Um eine Chance auf den Gesamtweltcup zu haben, brauchst du heutzutage ein eigenes Team hinter dir. Dieser immense Aufwand muss rundum organisiert sein. Was Marcel Hirscher an Betreuung genießt, würde bei uns für zwei Mannschaften reichen. Aber größten Respekt, was Marcel Jahr für Jahr abliefert.

Fühlen Sie sich gegenüber dem ÖSV-Alpinteam benachteiligt?

Fill: Das kann man so nicht sagen. Und man kann nicht automatisch davon ausgehen, dass mehr Geld schneller macht. Inzwischen geht es unserem Verband finanziell wieder besser, aber wir müssen weiterhin sparen. Für uns ist klar, dass wir ein Sommercamp in Übersee schon Monate davor buchen, weil es billiger ist. Wenn wir dann in Chile oder Argentinien sind und es hat keinen Schnee, dann haben wir Pech gehabt. Die Österreicher haben da andere Möglichkeiten, die buchen kurzerhand einfach um und fliegen woanders hin.

Das Gespräch führte Max Ischia

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