Ski alpin: „Superheldin“ Ledecka - Weltklasse auf Ski und Board

Zauchensee (APA) - Als Ester Ledecka vergangene Woche zum Skiweltcup nach Zauchensee kam, war sie etwas planlos. „Wie viele Rennen sind hier...

Zauchensee (APA) - Als Ester Ledecka vergangene Woche zum Skiweltcup nach Zauchensee kam, war sie etwas planlos. „Wie viele Rennen sind hier?“, rätselte sie vor den Rennen in Salzburg. Die Tschechin war direkt vom Snowboard-Weltcup in Gastein angereist, wo sie ihre Weltcup-Führung erfolgreich verteidigt hatte. Auch diese Woche nimmt sie in Garmisch an Skirennen der höchsten Liga teil. Das traut sich sonst keine.

Ester Ledecka alias „STR“ ist ein Phänomen. Die 21-Jährige aus Prag ist als einzige Athletin sowohl auf dem Snowboard als auch auf Skiern höchst erfolgreich im FIS-Weltcup unterwegs. Gleich bei ihrem Alpin-Debüt vor einem Jahr in Garmisch fuhr die regierende Snowboard-Weltmeisterin und aktuelle Gesamtsiegerin im Parallel-Weltcup auch auf Abfahrts-Ski in die Weltcup-Punkteränge.

Gleiches gelang ihr dann in La Thuile sowie vergangenen Dezember in den drei Speedrennen in Lake Louise. In Zauchensee nutzte sie die Gunst der Stunde und raste beim einzigen Training gleich zur Bestzeit vor der späteren Überraschungssiegerin, der gleich alten Österreicherin Christine Scheyer.

Für Podestplätze bei Skirennen reicht es bei Ledecka noch nicht. Sie ist aber immerhin so gut auf dem Weg, dass sie sich auch bereits für die WM im Februar in St. Moritz qualifiziert hat.

Aber selbst das ist ihr nicht genug. Ledecka will in der Schweiz gleich in allen fünf Bewerben antreten und wird deshalb noch den einen oder anderen FIS-Slalom bestreiten. Tschechien-Trainer Tomas Bank, Bruder des zurück getretenen Abfahrers Ondrej Bank ist sicher: „Sie schafft das.“

Die Weltmeisterschaften stehen diesen Winter bei Ledecka im Mittelpunkt. Die für das Pro-Team des Österreichers Sigi Grabner startende Tschechin ist auch bei der Snowboard-WM im März in Spanien am Start. Dort ist sie Titelverteidigerin im Parallel-Slalom und damit Medaillen-Favoritin.

Die beiden WM-Teilnahmen sind Ledeckas großes Saisonziel. Im Snowboard ist sie bereit, neuerliches Kristall zu opfern, weil sie wegen der alpinen Olympia-Generalprobe im März in Südkorea Snowboard-Rennen auslässt. 2018 in Pyeongchang will sie im Snowboard und Alpinski teilnehmen, nachdem sie 2014 in Sotschi nur im Snowboard dabei war. „Im März kämpfen meine Trainer immer um mich. Jeder will, dass ich in seiner Sportart starte“, schilderte Ledecka ihr Dilemma.

Die junge Athletin vom Skiclub Dukla Liberec kommt aus einer bemerkenswerten Familie. Großvater Jan Klapac war u.a. Mitglied des gefeierten Eishockey-Weltmeisterteams, das 1972 in Prag die UdSSR entthronte. Mama Zuzana war Eiskunstläuferin, Vater Janek Ledecky ist ein bekannter Popsänger und so etwas wie der Hansi Hinterseer von Tschechien. „Als Kind dachte ich lange, er ist ein Tennis-Star“, erinnerte sie sich an die ständige Medienpräsenz rund um ihren sportlichen Vater.

Sie selbst hatte von klein auf ihrem älteren Bruder Jonas nachgeeifert. Zunächst und bis 13 Jahren im Freestyle- , dann mit dem Alpin-Board. Jonas ist heute ihr Designer. Er hatte auch die Idee, ihre Rennanzuge unter dem Motto der „Superheldin“ zu gestalten.

Über Ledecka staunt sogar eine Lindsey Vonn. „Sie ist unglaublich. Ich kann nur Ski fahren“, verneigte sich die US-Olympiasiegerin vor der Tschechin. Wie man im Snowboard- und im Alpinski-Weltcup so erfolgreich sein kann, ist irgendwo auch für Ledecka selbst oft ein Rätsel.

„Ich verfolge einfach meine Träume“, sagte sie im APA-Interview. „Es war bei mir schon als Kind so, dass ich beiden Sportarten gut sein wollte. Ich wusste aber nicht, dass es so schnell gehen kann“, erzählte sie.

Bei ihrem unorthodoxen Programm ist die Organisation des Winters kompliziert, zudem „hasst“ Ledecka das Reisen. Auch die Bezahlung ihrer Coaches ist interessant. „Seit ich bei Olympia war, habe ich Sponsoren und Geld. Manchmal bezahle meine Ski-Betreuer aus dem Snowboard und manchmal umgekehrt“, erklärte die Athletin, die unter anderem für Coca Cola wirbt.

Warum sie sich die Doppelbelastung antut, wird nicht hinterfragt. „Ich liebe einfach den sportlichen Vergleich“, erzählte die Sportlerin, die auch im Beach Volleyball und beim Windsurfen an Wettkämpfen teilnimmt. „Ich habe einfach Spaß an dem, was ich mache. Und gebe immer hundert Prozent.“

Dass ihr österreichischer Snowboard-Kollege Benjamin Karl kürzlich ähnliche Ambitionen geäußert hatte, entringt Ledecka ein Lächeln. „Er war und ist immer noch mein großes Vorbild. So alt etwas völlig Neues zu lernen, wird schwierig. Aber Benji ist ja sehr talentiert“, meinte sie schmunzelnd.

Ledeckas Alpin-Idol ist Marcel Hirscher. Mittlerweile ist sie Markenkollegin des Salzburgers bei Atomic International und wird direkt von Altenmarkt betreut. „Jahrelang habe ich Marcel bewundert. Dann war ich plötzlich in einem Team mit ihm und Mikaela Shiffrin. Das ist unglaublich.“

Ledecka hat nicht vor, ihre Zweigleisigkeit sobald aufzugeben. „Außer sie nehmen Snowboard komplett aus dem Olympia-Programm. Dann fahre ich nur noch Ski.“