Die gebürtige Ostdeutsche und der Schwabe mit türkischen Wurzeln

Berlin (APA/AFP) - Mit zwei profilierten Realpolitikern werden die deutschen Grünen in den Bundestagswahlkampf ziehen: Fraktionschefin Katri...

Berlin (APA/AFP) - Mit zwei profilierten Realpolitikern werden die deutschen Grünen in den Bundestagswahlkampf ziehen: Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt und Parteichef Cem Özdemir haben sich bei der Urwahl zur Spitzenkandidatur durchgesetzt. Auf der Strecke blieben damit Fraktionschef Anton Hofreiter vom linken Flügel und der Umweltminister von Schleswig-Holstein, Robert Habeck.

Jetzt demonstriert die Partei Einigkeit: Die ostdeutsche Ex-Bürgerrechtlerin Göring-Eckardt und der türkischstämmige Schwabe Özdemir „sind das moderne Deutschland“, schwärmt Bundesgeschäftsführer Michael Kellner.

Göring-Eckardt:

Die 50-Jährige war gesetzt als Spitzenkandidatin, denn den Parteiregularien zufolge musste einer der Kandidaten-Posten mit einer Frau besetzt werden - und die Fraktionschefin war die einzige Bewerberin. Trotz ihrer Zugehörigkeit zum Realo-Flügel trat sie immer wieder als Vermittlerin zwischen den Parteiströmungen auf: Ihr lag seit jeher die Flüchtlingspolitik am Herzen, so verweigerte sie 2014 Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Gefolgschaft, als der im Bundesrat die Einstufung der Westbalkan-Staaten als sichere Herkunftsländer im Bundesrat durchsetzte.

Und als es 2015 bei den Grünen zum Streit über die Steuerpolitik kam, legte sie gemeinsam mit Hofreiter einen Kompromisstext vor, in dem für eine „umsetzbare Vermögensteuer“ geworben wird. Damit setzte sie sich erneut von Oberrealo Kretschmann ab, der befürchtet, mit dieser Position könne der Partei Mittelstandsfeindlichkeit nachgesagt werden.

Die am 3. Mai 1966 in Thüringen geborene Göring-Eckardt kam 1989 über die kirchliche Opposition der ehemaligen DDR in die Politik. Als sie 1998 erstmals in den Bundestag einzog, wurde sie zunächst Parlamentarische Geschäftsführerin, bevor sie nach der Bundestagswahl 2002 den Fraktionsvorsitz übernahm. Nach der für Rot-Grün verlorenen Bundestagswahl 2005 wurde sie Vizepräsidentin des Bundestages, 2013 übernahm sie erneut den Vorsitz der Bundestagsfraktion.

Parallel hatte sie wichtige Ämter in der Kirche: Sie wurde 2007 Kirchentagspräsidentin, 2009 zudem Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Cem Özdemir:

Der 51-jährige Diplom-Sozialpädagoge ist seit 2008 Vorsitzender der Partei und vertritt einen strammen Realo-Kurs. Lauter als andere meldet er den Anspruch zum Mitregieren 2017 im Bund an. Der „anatolische Schwabe“, wie er sich selbst einmal genannt hat, liebäugelt mit Schwarz-Grün und mutet seiner Partei einiges zu - etwa, sich auf einem Parteitag mit Daimler-Chef Dieter Zetsche auseinanderzusetzen. Zur Hilfe kommt ihm dabei sein Redetalent, mit dem er vergessen machen kann, dass mancher in der Partei gar nicht einverstanden ist mit seinen Positionen.

Parteiinterne Gegner fasst der resolute Parteichef nicht immer mit Samthandschuhen an. Allerdings hat er seine Ko-Vorsitzende Simone Peter - mit der ihn wenig verbindet - in Schutz genommen, nachdem diese wegen ihrer Schelte für den Kölner Polizeieinsatz in der Silvesternacht in die Kritik geraten war.

Der am 21. Dezember 1965 in Baden-Württemberg geborene Özdemir sitzt seit 2013 wieder im Bundestag, dem er bereits von 1994 bis 2002 angehört hatte. Damals zog er sich wegen einer Affäre um die private Nutzung von Bonusmeilen aus dem Parlament zurück, bevor ihm zwei Jahre später der Sprung ins Europaparlament gelang. 2009 verpasste der Vater von zwei Kinder den Wiedereinzug in den Bundestag schon im Vorfeld: Die Delegierten verweigerten ihm bei der Kandidatenaufstellung einen sicheren Listenplatz.

Die Zeit der Denkzettel ist für Özdemir aber erstmal vorbei: Schon bei seiner Wiederwahl zum Parteichef fuhr er 2015 mit 76,9 Prozent ein gutes Ergebnis ein. Und bei der Urwahl landete er mit 75 Stimmen Vorsprung zwar nur knapp vor Habeck - kann es aber für sich verbuchen, als zweiter Realo neben Göring-Eckardt gesiegt zu haben.