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Nach Mord in den Liebesurlaub? Junge Frau (21) vor Gericht

(Symbolfoto)
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Sie soll ihren 42 Jahre älteren Ehemann erschossen und danach mit ihrem Freund nach Italien gefahren sein: Vor dem Landgericht Hildesheim hat der Indizienprozess gegen eine junge Automechanikerin begonnen. Was kann die Angeklagte zu ihrer Verteidigung vorbringen?

Hildesheim – Sie wirkt zerbrechlich, blass und zeigt keine Emotionen: Die 21-jährige Tizia L. sitzt zwischen ihren beiden Verteidigern im Landgericht Hildesheim. Der jungen Frau in der weißen Wollstrickjacke wird vorgeworfen, ihren 63-jährigen Ehemann Willi in einer Julinacht im vergangenen Jahr heimtückisch mit acht Schüssen ermordet zu haben.

Laut Anklagelag der Maurer schlafend auf dem Sofa in seinemzur Wohnung ausgebauten Überseecontainer im Dorf Algermissen, als Tizia L.die Waffe auf ihn richtete.Nachden Schüssen in Brust und Kopf soll sie ihn zugedeckt, die Patronenhülsen aufgesammelt und ihr Handy weggeworfen haben. Am nächsten Morgen seisie mit ihrem Freund mit dem Auto über Prag und Wien nach Italien gefahren und habebei Triestauf einem Campingplatz Urlaub gemacht, sagt Staatsanwalt Wolfgang Scholz.

Konsequenzen gefürchtet

Während der Verlesung der Anklageschrift verzieht diemädchenhaft wirkendeFraumit dem blond gefärbtenPferdeschwanz keine Miene. Der Staatsanwalt spricht davon, dass sie im Umgang mit Waffen geübtsei und zu Jähzorn und Wutausbrüchen neige. Ihre Motive für das Verbrechen seien nicht eindeutig.Sie habe sich in der schon zerrütteten Ehe „wie in einem goldenen Käfig“ gefühlt, sagt Scholz. Offensichtlich habe sie befürchtet, Zugriff auf das Vermögenihres Mannes – darunter zwei Grundstücke – zu verlieren, sollte sie sich von ihm trennen.

Das Paar warerst seit Oktober 2015 verheiratet, der 63-Jährige hatte seine Braut als Alleinerbin eingesetzt. Das Opferhatte eine Nebenerwerbsfirma für Abbrucharbeiten und Entrümpelungen. Der Sohn des Mannes tritt im Prozess als Nebenkläger auf.

Tizia L.sitzt seit ihrer Rückkehr aus dem Urlaub am 9. Augustin Untersuchungshaft. Zu den Vorwürfenschweigt die Automechanikerin, die ständigihrenArbeitsanzug getragen haben soll. Sie will auch nicht sagen, wie sie ihren wesentlich älteren Mannkennengelernt hat.

Ausführlich schildertdie Angeklagtedagegen ihreKindheit und Jugend.In der achten Klasse setzte sie durch, mit ihrer jüngeren Schwester zur Tante nach Hannover zu ziehen, weil sie mit dem cholerischen Stiefvater in Augsburg nicht klarkam.Damals litt sie unter Depressionen und ritzte sich mit Rasierklingen. „Ich wollte was spüren“, erklärt sie.

Liebhaber sagt vor Gericht aus

In Hannoverbesuchte sie bis zur elften Klasse ein Gymnasium undbegann danach eine Ausbildung zur Mechatronikerin.Ihre Leidenschaft für Autos und Tuning entdeckte siemitihrem erstenFreund, einem Waffennarr, der mit ihrauchSchießübungenim Keller und auf einer Weide machte. Alle Waffen hätten sie interessiert, sagt Tizia L. im Gerichtssaal.Nach der Trennung hatte sie kurz eine eigene Wohnung, die aber wegen ihrer Hunde gekündigt worden sei.Danach war sie monatelang quasi obdachlos, schlief bei Bekannten oder im Auto.

Die Staatsanwaltschaft geht aktuell davon aus, dass der Freund, mit dem die mutmaßliche Mörderinnach Italien fuhr,gar nicht wusste, dass Tizia L. verheiratet war. Ob der junge MannihrLiebhaber war, wie von ihrem Ehemann vor seinem Tod befürchtet, kann sich am nächsten Prozesstag klären. AmMontagist der Reisebegleiterals Zeuge geladen. (Christina Sticht, dpa)