„Theater muss auf das Hier und Jetzt reagieren“
Mit seinem neuen Stück „Immersion“ gastiert das 2016 mit dem Nestroy ausgezeichnete Ensemble aktionstheater am Wochenende in Innsbruck.
Innsbruck –„Immersion“, erklärt das Fremdwörterbuch, beschreibe nicht nur „das Eintauchen in eine andere Welt“, sondern auch „das Auflösen von Grenzen“ sowie – in der Linguistik – das Erlernen einer Fremdsprache durch deren alltäglichen Gebrauch. Und „Immersion“ heißt das neue von Martin Gruber und seinem Ensemble aktionstheater erarbeitete Stück, das nach seiner Uraufführung in Salzburg und Erfolgen in Wien und Vorarlberg nun auch in Innsbruck Station macht. Wobei es gerade der Aspekt der sich auflösenden Grenzen sei, der ihn interessiere, erklärt Gruber im Gespräch mit der TT. „Die einzige Chance, die das Theater abseits vom Bespielen bürgerlicher Bildungstempel hat, ist die direkte Auseinandersetzung mit der Realität. Theater muss auf das Hier und Jetzt reagieren“, sagt der Autor und Regisseur, der 2016 für die aktionstheater-Produktion „Kein Stück über Syrien“ mit dem Nestroy in der Sparte Off-Theater ausgezeichnet wurde.
In einer Zeit, in der jeder getrieben scheint, permanent eine Rolle spielen zu müssen, sei das Theater der Ort, wo man diese Masken herunterreißen könne – um gemeinsam mit dem Publikum herauszufinden, „was danach passiert“ und „was wirklich brennt“, so Gruber, der das Schauspielhandwerk einst in der Schauspielschule Cingl/Fröhlich am Tiroler Landestheater erlernte.
Darum gehe es ihm nicht nur bei „Immersion“, sagt Martin Gruber. Alle Arbeiten des vor rund 25 Jahren gegründeten aktionstheaters treibe die Frage nach dem Verhältnis von Theater und Wirklichkeit an. „Der Theatertheoretiker Antonin Artaud sprach vom Theater und seinem Double – und meinte mit Double die Welt. Das interessiert mich: Wie kann man die Partikel um uns herum so verdichten, dass ein Reflexionsprozess beginnt, der auch in den Zuschauerraum hinausreicht, und sich auch das Publikum fragt: Wie stehe ich dazu, wie verhalte ich mich?“
Obwohl die von Gruber in enger Zusammenarbeit mit der Dramaturgin Claudia Tondl und den Darstellern erarbeiteten Stücke kein „Dokumentartheater im klassischen Sinn“ sind, fußen sie auf umfangreicher Recherche: „Das zusammengetragene Material wird befragt und bearbeitet, die Stücke sind komprimierte Kompositionen. Ihre Form ist nicht beliebig, sondern der Rahmen ist genau abgesteckt. Innerhalb dieses Rahmens allerdings herrscht große Freiheit.“ Deshalb verschwinden aktionstheater-Produktionen erst dann vom Spielplan, „wenn sie uns nichts mehr zu sagen haben“ – und können so lange adaptiert werden: „Vor jeder Aufführung fragen wir uns: Wo hat sich etwas Neues ergeben? Was stimmt nicht mehr? Und: Was sagt uns das?“ (jole)