Graz-Wahl: Soziologischer Blick auf eine wachsende Stadt
Graz (APA) - Bei der Grazer Gemeinderatswahl am 5. Februar werden mit 222.856 Personen so viele wie noch nie wahlberechtigt sein. Schon 2013...
Graz (APA) - Bei der Grazer Gemeinderatswahl am 5. Februar werden mit 222.856 Personen so viele wie noch nie wahlberechtigt sein. Schon 2013 wurde die Einwohnerzahl von 300.000 überschritten, sie wächst weiter stetig an. Welche Herausforderungen das Wachstum für die Stadt mit sich bringt, schilderte die Grazer Soziologin Katharina Scherke im Gespräch mit der APA.
Zwischen 2013 und Ende 2015 ist die Bevölkerung in Graz um rund 12.000 Menschen gestiegen und hielt Ende 2015 bei 315.464 Personen. Davon waren im Hauptwohnsitz rund 282.500 Menschen gemeldet, rund 33.000 kommen noch im Nebenwohnsitz hinzu. Laut Prognose wird sich der Wachstumstrend fortsetzen. Am stärksten wuchsen laut Scherke (Institut für Soziologie der Universität Graz) die Bezirke Puntigam mit plus 12,6 Prozent, Straßgang (plus 7,8 Prozent) sowie Liebenau, Eggenberg und Gries (zwischen 4 und 5 Prozent).
Der Anteil der Hauptwohnsitze mit österreichischer Staatsangehörigkeit ist zwischen 2013 und 2015 um 0,6 Prozent gestiegen, jener mit einer ausländischen um rund 18,9 Prozent. „Es ziehen zwar etwas weniger Frauen nach Graz, aber doch fast so viele wie Männer - das widerspricht dem manchmal öffentlich lancierten Bild, dass hauptsächlich junge Männer zuziehen würden“, interpretierte Scherke die Grazer Bevölkerungsstatistik (2015).
Mehr als 90 Prozent der Bevölkerung lebten nach der von der Stadt durchgeführten „Umfrage zur Grazer Lebensqualität 2013“ sehr oder eher gern in ihrem Stadtteil. „Die Lebensqualität wird in Graz allgemein als gut empfunden. Sie ist jedoch in den jeweiligen Stadtteilen nicht überall die gleiche“, betonte Scherke. Die generellen Zufriedenheitswerte in den Bezirken liegen zwischen 98 Prozent im Bezirk Mariatrost und 75 Prozent im Bezirk Gries rechts der Mur. „Natürlich sind auch die Bezirksergebnisse wieder nur Querschnitte der Antworten“, betonte die Grazer Wissenschafterin.
Problemlagen, die sich auf die gefühlte Lebensqualität negativ auswirken, ortete Scherke vor allem in den Bereichen Wohnraumkosten, der Umwelt- bzw. Luftqualität im Lebensumfeld sowie dem Angebot an Arbeitsplätzen und Lehrstellen. Das Wachstum sorge für steigenden Wohnungsdruck. „Die Bereitstellung von leistbarem Wohnraum ist eine zentrale Aufgabe der Stadt - hier ist in Graz noch Luft nach oben“, schätzte die Soziologin die Situation ein.
Ein sozioökonomischer Strukturwandel bestimmter Stadtviertel durch den Zuzug wohlhabender Bevölkerungsgruppen und die Abwanderung Ärmerer - die sogenannte Gentrifizierung - finde in Graz zwar statt, „aber noch in geringerem Maße als in anderen Großstädten Europas“. „Nichtsdestotrotz sollte eine künftige Stadtregierung diese Entwicklung im Auge behalten und etwa eine Verteuerung des Wohnraums durch die Schaffung von entsprechenden Angeboten für einkommensschwache Gruppen abmildern“, riet Scherke.
Ein Faktor, der die empfundene Lebensqualität in Graz wesentlich mitbestimme, sei die „sehr gute Ausstattung mit Institutionen und Einrichtungen des öffentlichen Lebens bei gleichzeitiger geografischer Nähe derselben“. Graz biete „eine gewisse Überschaubarkeit bei gleichzeitiger Vielfalt der Möglichkeiten. Die Nutzung der von der Stadt gebotenen Möglichkeiten und auch die Bedeutung, die man ihnen beimisst, variiert aber je nach Lebensphase und anderen sozio-ökonomischen Faktoren.“
Auch das Sicherheitsgefühl wirke sich auf die allgemeine Lebensqualität in der Stadt aus. Hier habe sich bei der Umfrage in allen Stadtteilen durchaus Handlungsbedarf in Bezug auf den öffentlichen Raum und hier v. a. die Straßen und Plätze bei Dunkelheit gezeigt. „Diese Sorgen der Bevölkerung müssen ernst genommen werden, und jede Straftat ist eine zu viel. Jedoch muss auch beachtet werden, dass Graz im Vergleich zu anderen europäischen Städten immer noch eine sehr sichere Stadt ist.“
„Gewisse Parteien spielen mit den Ängsten“, konstatierte die Soziologin. Es müsse aber zwischen medial verbreiteten und eventuell aufgeheizten Diskussionen und den realen Entwicklungen unterschieden werden. Gemessen an den Anzeigen sei laut der Kriminalitätsstatistik 2015 die Kriminalitätsentwicklung in Österreich rückläufig - auch in der Steiermark, hob Scherke hervor. Unter den Deliktarten zeige sich bei Wohnungseinbrüchen und Internetbetrug ein Anzeigenanstieg, jedoch ein Rückgang bei Gewaltdelikten.
Von der zukünftigen Stadtregierung erhoffe sie sich, „dass sie sich um ein gutes soziales Klima in der Stadt bemüht und sachlich nach Lösungen sucht, wo konkrete Probleme bestehen, ohne Konflikte zu schüren oder für politische Parolen auszunutzen“. Im Unterschied zur Bundes- oder auch Landespolitik habe Stadtpolitik immerhin den Vorteil, „dass sie näher an den Menschen dran ist und durch sorgsames Agieren auch deren Haltung zur Politik allgemein verbessern könnte“.