Trump-Inauguration - Gedämpfte Stimmung in der US-Hauptstadt

Washington (APA/dpa) - Washington, am Tag vor Donald Trump. Die Innenstadt ist blitzblank geputzt, Fahnen schmücken die historischen Gebäude...

Washington (APA/dpa) - Washington, am Tag vor Donald Trump. Die Innenstadt ist blitzblank geputzt, Fahnen schmücken die historischen Gebäude zwischen Weißem Haus und Kapitol. John Cradler poliert sein riesiges Sousafon. Mit der US-Version einer Tuba wird er am Freitag zu Ehren des neuen Präsidenten aufspielen - als einer von 99 Musikern der US-Marine-Band und einer von 4000 Teilnehmern einer prachtvollen Parade.

Die Innenstadt der Kapitale, die einst den Beinamen „Hauptstadt der freien Welt“ erhielt, ist herausgeputzt wie vor einer Krönungsmesse. Doch die Bilder, die Fernsehkameras in alle Welt übertragen, geben bloß einen Ausschnitt der Wirklichkeit wieder. Nur einen Steinwurf vom Kapitol entfernt, im Südosten der in vier Quadranten geteilten Stadt, herrscht keine Jubelstimmung. Im Schwarzenviertel Anacostia herrscht am Ende der ersten Präsidentschaft eines Afroamerikaners und zu Beginn der unberechenbar erscheinenden Ära Trump Tristesse, Frust - und wenig Hoffnung.

Die Häuser auf der Martin-Luther-King-Avenue sind schmucklos, die Läden heruntergekommen. Abgerissene Stromleitungen hängen von den morschen Holzmasten. In „Martin‘s Café“ streitet sich der Inhaber lautstark mit einem der Gäste. Die Zeiten, in denen für die Leute hier Bürgerrechtler wie Martin Luther King Jr. oder Malcolm X Visionen darlegten, sind vorbei.

„Ballot or Bullet“, stellte Malcolm X einst in den Raum - „Wahlurne oder Pistolenkugel“. Letztere scheint sich durchzusetzen. In Anacostia gingen 2016 nicht allzu viele Leute wählen, dafür wurden mehr als 1860 Gewaltdelikte gezählt - fünf Mal so viele wie im Durchschnitt der restlichen Vereinigten Staaten.

„Ich glaube nicht, dass Donald Trump wirklich fähig ist, unser Land zu führen“, sagt Victoria Brown. Die 26 Jahre alte Schwarze arbeitet in Anacostia als Kellnerin und ist hin- und hergerissen. „Ich weiß nicht, wie ich mich fühlen soll.“ Die Stimmung ist lethargisch, Politik ist im täglichen Überlebenskampf nicht das beherrschende Thema. Vom Tellerwäscher zum Milliardär - der Weg zum Amerikanischen Traum dauert lange fünf Meilen über den Anacostia-Fluss.

Die Machtübernahme des Milliardärs aus New York kommt in einer Zeit, in der es Amerika wirtschaftlich wieder recht gut geht. Doch die Gesellschaft ist gespalten. Frauen, Schwule, Behinderte - Trump legte sich im Wahlkampf mit vielen an. Zuletzt lieferte er sich eine harte wie auch von vielen als unnötig empfundene Wortschlacht mit dem schwarzen Kongressabgeordneten und früheren Bürgerrechtler John Lewis - einer Ikone für die Afro-Amerikaner in den USA. Lewis und rund 70 weitere Parlamentarier der Demokraten bleiben aus Protest gegen Trump dessen Vereidigungszeremonie fern - ein Affront.

Die Schwarzen wissen nicht, wo die Reise unter Trump für sie hingeht. „Viele Afroamerikaner haben keine Angst vor Donald Trump selbst, sondern vielmehr vor seinem Programm und den Leuten, denen er Schwung verleiht“, sagt Reverend Anthony Evans (45), Präsident der National Black Church Initiative (NBCI), die 34 000 Kirchen in den USA miteinander vernetzt.

Damit meint er Leute wie Jeff Sessions (70), designierter Justizminister und unter dem Vorwurf des Rassismus stehend. Sechs Generalstaatsanwälte aus Staaten von New York bis Hawaii haben kürzlich vor ihm gewarnt. Er habe bewiesen, dass er Minderheiten nicht schützen wolle.

Davor fürchten sich auch andere Aktivisten, etwa Frauenrechtlerinnen oder Menschen, die für die Rechte von Homo- und Transsexuellen eintreten. „Donald Trump und sein Vize Mike Pence haben von oben bis unten ein Kabinett zusammengestellt, dass gegen die Gleichheit ist“, sagt JoDee Winterhof von der Human Rights Campaign. Hunderttausende sehen das genauso.

Washington im Januar 2017 - das ist auch die Hauptstadt der Proteste. 99 Organisationen meldeten Kundgebungen und Märsche an. Allein am Samstag wollen 200 000 Frauen für ihre Rechte auf die Straße gehen - eine der größeren Demonstrationen, die die USA in den vergangenen Jahren gesehen hat. 600 weitere solcher Märsche sind im gesamten Land geplant. „Ich mache mir Sorgen über Donald Trumps Präsidentschaft, er weiß nicht genug und er hört nicht genug zu“, sagt die 50 Jahre alte Cindy Burrell, die eigens aus Chicago anreisen wird.

Während Cindy und ihre Mitstreiterinnen demonstrieren, wird Donald Trump in der Kirche sitzen. In der National Cathedral, im schicken Nordwesten Washingtons, holt er sich Gottes Segen für die nächsten vier Jahre. Sein Vorgänger Barack Obama gibt sich vorsichtig gelassen: „Ich glaube an dieses Land. Ich glaube, wir werden okay sein.“ Bevor Donald Trump die rechte Hand hebt und auf Abraham Lincolns Bibel schwört, trinkt Obama noch einmal eine Tasse Tee mit ihm.