Grazer Schauspielhaus bringt „Judas“-Projekt in steirische Kirchen
Graz (APA) - Das Grazer Schauspielhaus zeigt ab 27. Jänner in katholischen und evangelischen Kirchen „Judas“ von Lot Vekemans. Das Stück wur...
Graz (APA) - Das Grazer Schauspielhaus zeigt ab 27. Jänner in katholischen und evangelischen Kirchen „Judas“ von Lot Vekemans. Das Stück wurde „mit Blick auf das Jahresthema ausgewählt, das Revolutionen und den Beginn von Massenbewegungen wie das Christentum in den Blick rückt“, erklärte Pressesprechern Martina Maier. Regisseur Markus Kubesch hat mit der APA über seine Sicht auf die Judas-Figur gesprochen.
APA: Was hat Sie an der Figur des Judas so gereizt, dass Sie diesen Monolog in Szene setzen?
Markus Kubesch: Ich finde es grundsätzlich sehr reizvoll, einer Figur eine Stimme zu geben, die in unserer Wahrnehmung auf eine so eindeutige, negativ belegte Position verbannt wurde. In ihrem Text fordert die Autorin das Überprüfen unserer Perspektive, unserer Wertung. Sie legt den Menschen Judas Iskarioth frei, seine Anliegen, seine Motive, seine Verletzung, die gegensätzlichen Kräfte, die ihn antreiben. Wir sind also mit einem Menschen konfrontiert, keinem Werkzeug einer teuflischen Kraft, einem Menschen und seinem unterschätzten persönlichen Martyrium.
APA: Judas wird als Verräter dargestellt, der Geld für seine Tat nimmt. Andererseits soll er auch zu Beginn ein überzeugter Anhänger von Jesus gewesen sein. Wo ist da der Bruch, was führt zur Abkehr, worin besteht der Verrat?
Kubesch: In Lot Vekemans‘ Text begegnen wir Judas als einem Mann, der von großen realpolitischen Anliegen getrieben war. Einem Mann, der sich gegen Fremdherrschaft und Unterdrückung seines Volkes wehren wollte. Einem Mann, der sich einer Bewegung verschrieb, die seine Anliegen umzusetzen versprach. Doch kurz vor dem großen - symbolischen - Schlag kam es zum Paradigmenwechsel: In der plötzlichen Todeserwartung von Jesus, der Leitfigur, sah Judas seine Ziele gefährdet und verraten, und traf eine Entscheidung, um den Schlag zu erzwingen. Eine Entscheidung, die, wie immer wir diese auch werten, zutiefst menschlich motiviert war. Nicht das personifizierte Böse hat hier reagiert, sondern ein Mensch.
APA: Sehen Sie Parallelen zu modernen Konflikten, ist Judas‘ Tat eine aus heutiger Sicht irgendwie verstehbare Reaktion?
Kubesch: Der Judas, dem wir in Lot Vekemans‘ Stück begegnen, ist am Puls der Zeit. Er beherrscht politische Rhetorik so gut, dass sie sich als solche erst gar nicht zu erkennen gibt. Erst im Nachdenken erahnt man sie. Dieser Judas deckt in jedem Für das Wider auf, positioniert sich in der Ambivalenz und macht es einem somit reichlich schwer, ihm gegenüber eindeutig Position zu beziehen. Unter diesem Aspekt ist der gedankliche Brückenschlag zu heutigen Konflikten für mich ein leichter. Und auf politischer Spielfläche trifft man auf einige Brüder und Schwestern im Geiste.
APA: Ist Judas für Sie eher eine religiöse oder eine historische Figur?
Kubesch: Judas ist für mich sowohl historische Figur, als auch Figur aus sakralem Kontext. Judas bewegt sich historisch gesehen in einer Zeit des Umbruchs, des politischen Aufbegehrens eines unterdrückten, eines fremdbeherrschten Volkes. Nur vor diesem Hintergrund kann sich das sakrale Narrativ entwickeln.
APA: Wie relevant ist die Bibeldarstellung, nach der Judas Jesus mit einem Kuss verraten haben soll für Sie?
Kubesch: Bis heute findet sich das sprachliche Bild des Judas-Kusses in unserem Sprachgebrauch. Wir haben also ein vermeintlich klares Bild von Judas. Ein Bild, das von der Erzählung des Verrats geprägt ist. Judas als Negativbeispiel, als Inbegriff des Schlechten, als Ikone der Niedertracht. Und genau hier greifen Text und Inszenierung zu. Die Geschichte wird nicht umgeschrieben, Tatsachen nicht verdreht, der Ausgang bleibt der bekannte. Aber auf die relativ einfache Erzählung vom Verrat treffen zutiefst menschliche Motive. Dadurch wird das eindeutige Zuordnen in Gut und Böse deutlich schwieriger. Ein Fächer aus Graustufen tut sich auf. Und das wirft eine Menge fordernder, spannender Fragen auf.
APA: Worin liegt der Reiz, diesen Monolog in kirchlichen Räumen zu spielen? Inwieweit wirkt sich deren Verschiedenheit - barocker bis moderner Raum - auf die jeweilige Aufführung aus?
Kubesch: Reiz ist hier ein sehr gutes Stichwort. Denn die Dringlichkeit von Reibung mit dem Anliegen der Figur ist an kaum einem Ort größer als an jenem, an dem sie verdammt, verurteilt, verachtet wird. Es gibt einen klaren Moment, der Jesus und Judas spaltet. Jesus entscheidet sich für die Erfüllung einer alttestamentarischen Prophezeiung. Während Judas realpolitisches Anliegen der Kampf gegen die Fremdherrscher ist. Die Kirche feiert nun den von Jesus eingeschlagenen Weg, während sie Judas Handeln verdammt. Es bedarf also einigen Mutes der Figur, um an genau diesem Ort zu sprechen. Gleichzeitig braucht es die Offenheit der Zuschauer, der Gemeinde, der ungewohnten Stimme Gehör zu schenken. Konkret arbeiten wir mit einem von Bühnenbildnerin Vibeke Andersen entworfenen, nach sechs Seiten offenen Kubus. Ein Ort im Ort, der die Geschichte der jeweiligen Kirche aufnimmt und Judas Gedanken beleuchtet.
APA: Was machen Sie gegen die eisige Kälte in ungeheizten Kirchen im Winter?
Kubesch: Wir treten dafür mit folgendem Zubehör an: viel Energie, großem Anliegen und Skiunterwäsche.
(Das Gespräch führte Karin Zehetleitner/APA)
(S E R V I C E - „Judas“ von Lot Vekemans. Regie: Markus Kubesch, Bühne und Kostüme: Vibeke Andersen. Mit Fredrik Jan Hofmann. Premiere am 27. Jänner um 19.30 Uhr im Mausoleum des Grazer Doms, weitere Aufführungen in 23 verschiedenen katholischen und evangelischen Kirchen. Kein Kartenverkauf, nur freiwillige Spenden. www.schauspielhaus-graz.com)