EBRD: Ungleichheit durch Chancengerechtigkeit abbauen
Wien/London (APA) - Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) spricht sich in ihrem aktuellen Transition Report 2016/17 d...
Wien/London (APA) - Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) spricht sich in ihrem aktuellen Transition Report 2016/17 dafür aus, die noch bestehende Einkommensungleichheit zu entwickelten Ländern und innerhalb der Länder selbst vor allem durch verbesserte Chancengleichheit zu verringern. Der Aufholprozess bei den Einkommen sei eindrucksvoll, aber nur 44 Prozent hätten davon profitiert.
„Auch Umverteilung könnte helfen, aber ein größeres Augenmerk muss auf die Verbesserung der Chancengleichheit gelegt werden“, sagte Ralph de Haas, Leiter der EBRD-Forschungsabteilung, am Donnerstag in Wien bei der Präsentation des neuen Reports. Dies könnte etwa durch bessere Bildung, finanzielle Inklusion und bessere Vernetzung geschehen.
Der Zusammenbruch des Ostblocks 1989 sei für die betroffenen Länder eine traumatische Erfahrung gewesen. Das zeige sich sogar an physischen Merkmalen. So seien die Menschen, die während der Zeit der Liberalisierung geboren wurden, im Schnitt um einen Zentimeter kleiner, so Haas.
In der Zwischenzeit habe sich im Vergleich zu den entwickelten Ländern zumindest die Lücke bei der Zufriedenheit geschlossen. Aber auch der Aufholprozess beim Einkommen sei sehr eindrucksvoll. Jedoch habe nicht jeder davon profitiert. Tatsächlich habe die Ungleichheit zwischen den Ländern und innerhalb der Länder zugenommen, wenn auch von einem niedrigen Niveau ausgehend. Insgesamt hätten nur 44 Prozent der Menschen in den Transitionsländern persönlich Verbesserungen ihrer Einkommen gesehen.
„Dass es 23 Prozent der Bevölkerung in den postkommunistischen Ländern jetzt schlechter als 1989 geht, sollte oberste Priorität bekommen“, meinte Harald Waiglein, Leiter der Sektion Wirtschaftspolitik und Finanzmärkte im Finanzministerium. Ein weiteres Problem sieht er darin, dass die Ungleichheit zwar vergleichsweise reduziert wurde, die Leute aber glauben, sie habe zugenommen. Auch darauf müsse reagiert werden. Ein Problem liege auch darin, dass in allen Ländern - auch in den entwickelten - die Mittelklasse von der Globalisierung nicht profitiert habe, so Waiglein. Seiner Meinung nach wird derzeit die Umverteilung von Produktivitätsgewinnen gänzlich unterbewertet. Es müsse gefragt werden, wer am meisten von technologischen Fortschritten profitiere. Gut Ausgebildete etwa könnten solche Innovationen nutzen.
Innerhalb der Transitionsländer ist es laut Haas zu einer eindrucksvollen Annäherung der Einkommen gekommen, aber die Zugewinne hängen sehr stark davon ab, in welche Einkommensschicht jemand hineingeboren wird. In Russland etwa hätten nur die reichsten 20 Prozent überdurchschnittliche Zugewinne gehabt. Der Reichtum in den betroffenen Ländern stamme vor allem aus dem Rohstoffbereich und weniger aus Innovationen oder konkurrenzfähigen Produkten. Einige seien durch Privatisierungen zu großem Reichtum gekommen. Dagegen werden Menschen aus wenig gebildeten Haushalten am stärksten von allen Schocks betroffen, die mit der Transition einhergehen. Generell wären Menschen, die während des Umbruchs geboren wurden, zufriedener als andere.
Haas fordert, das die Möglichkeiten zu guter Bildung, guten Jobs und Einkommen nicht durch die Lebensumstände begrenzt werden sollten. In der Praxis würden Geschlecht, Rasse, Geburtsort oder der elterliche Hintergrund einen Einfluss darauf haben. Das sei nicht effektiv und verhindere, dass die Menschen das Beste aus ihren Fähigkeiten oder ihren unternehmerischen Ideen machten. Diese Ungerechtigkeit könnte zu einem Vertrauensverlust in wichtige wirtschaftliche und politische Institutionen führen.
Die EBRD hat für ihren aktuellen Report 51.000 Menschen in 34 Ländern in Ost- und Südosteuropa, sowie Russland und der GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten) befragt. Als Vergleichsländer dienten Deutschland, Italien und Tschechien. Die EBRD hat sich nach dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989 zur Aufgabe gemacht, diese Länder in ihrem Transformationsprozess hin zu Marktwirtschaft und privatem und unternehmerischem Handeln finanziell zu unterstützen.
~ WEB http://www.oenb.at/
http://de.ebrd.com/ ~ APA278 2017-01-19/12:34