Wannenseekonferenz - Cognac und Zigarren nach der Mordbesprechung

Hamburg (APA/AFP) - Am Freitag jährt sich die berüchtigte Wannseekonferenz zum 75. Mal. 15 Behördenchefs, Staatssekretäre und andere ranghoh...

Hamburg (APA/AFP) - Am Freitag jährt sich die berüchtigte Wannseekonferenz zum 75. Mal. 15 Behördenchefs, Staatssekretäre und andere ranghohe Vertreter des NS-Regimes kamen am 20. Januar 1942 in einem SS-Gästehaus im Berliner Villenviertel am Großen Wannsee zu einer „Besprechung mit anschließendem Frühstück“ zusammen, um über die Vernichtung der Juden zu beraten.

In dem Gebäude, das heute eine Gedenkstätte ist, erinnert am Donnerstag unter anderem Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) an das grausige historische Ereignis. Ein Überblick:

WAS WAR DIE WANNSEEKONFERENZ - UND WAS WAR SIE NICHT?

Die Konferenz war ein Organisations- und Koordinierungstreffen, bei der Vertreter aus der obersten Führungsebene von Ministerialverwaltung, Polizei, SS und Nazi-Partei ihr gemeinsames Vorgehen abstimmten. Was dort nicht beschlossen wurde, war die Ausrottung der Juden selbst. Diese Interpretation ist falsch. Die Befugnisse der Teilnehmer reichten dafür auch nicht aus. Tatsächlich wurde bei der Konferenz überhaupt nichts beschlossen.

WARUM IST DIE KONFERENZ DANN SO BEKANNT?

Dies liegt daran, dass ein Protokoll erhalten ist, das belegt, wie führende deutsche Beamte und Vertreter des NS-Regimes nüchtern dabei kooperierten, einen Völkermord unter Einsatz aller staatlichen Ressourcen zu beschleunigen. Üblicherweise wurde derartiges Material bei Kriegsende vernichtet. In Akten aus dem Auswärtigen Amt fand sich 1947 aber eine Abschrift des vom berüchtigten SS-Deportationsorganisator Adolf Eichmann abgefassten Geheimprotokolls. Sie erlaubt einen überaus seltenen Blick hinter die Kulissen.

WORÜBER WURDE BEI DER KONFERENZ GESPROCHEN?

Aus dem Protokoll geht hervor, dass die oberste NS-Führung ihren Plan zur Ermordung aller europäischen Juden ursprünglich erst nach Kriegsende umsetzen wollte, sich im Laufe des Jahres 1941 aber entschloss, die „kommende Endlösung der Judenfrage“ zumindest teilweise vorzuziehen. Die Konferenz diskutierte nun, wie dies gehen sollte.

Der Abgesandte der deutschen Besatzungsregimes in Polen etwa wollte die „Endlösung“ im eigenen Machtbereich beginnen lassen, weil „das Transportproblem“ zu vernachlässigen sei und die meisten Juden dort ohnehin „arbeitsunfähig“ seien. Laut Protokoll wurde auch über „die verschiedenen Arten der Lösungsmöglichkeiten“ geredet.

WIE OFFEN WURDE ÜBER DEN MASSENMORD GESPROCHEN?

Tarnbegriffe wie „Lösungsmöglichkeiten“ oder „entsprechende Behandlung“ sind typisch für den Schriftverkehr der NS-Bürokratie zum Holocaust. Auch Eichmanns Niederschrift ist eine nachträgliche Zusammenfassung, kein Wortprotokoll. Wie während des Treffens gesprochen wurde, geht daraus nicht hervor. Während seines Prozesses in Israel, in dem er 1961 zum Tod verurteilt wurde, sagte Eichmann jedoch aus, es sei offen über Töten und Eliminieren geredet worden. Anschließend habe es Cognac und Zigarren gegeben.

WIE PASST DIE KONFERENZ IN DIE ABLÄUFE DES HOLOCAUSTS?

Forscher sind heute längst überzeugt, dass der Holocaust nicht durch einen Befehl an einem bestimmten Tag gestartet wurde. Vorgaben von oben sowie menschenverachtende Eigeninitiativen nachgeordneter Funktionsträger schaukelten sich speziell nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Sommer 1941 auf. Die Konferenz fällt genau in diese Zeitspanne.

Zum Zeitpunkt der Besprechung hatten deutsche Mordkommandos in Osteuropa schon 500.000 Juden erschossen, und in Lagern wie Chelmno und Auschwitz wurden bereits Menschen mit Autoabgasen oder Zyklon B vergast. Mit Sicherheit waren dies „die verschiedenen Arten der Lösungsmöglichkeiten“, über deren Intensivierung die Teilnehmer sprachen. In den Monaten danach passierte genau das - die großen Vernichtungslager in Polen gingen 1942 in Betrieb.

WIE WIRD AN DIE KONFERENZ ERINNERT?

Im offiziellen Gedenkprogramm hatte die Wannseekonferenz lange keinen Platz. Die Villa diente zwischen 1952 bis 1988 als Schullandheim für den Bezirk Neukölln. Die erste offizielle Gedenkveranstaltung dort fand 1982 unter dem Regierenden Bürgermeister Richard von Weizsäcker (CDU) statt. Erst seit 1992 ist das Gebäude eine Gedenkstätte.