Zwei Ski-Legenden, die Geschichte schrieben
Zusammen schreiben sie 191 Jahre Skigeschichte: Der Kitzbüheler Karl Koller (97) und die Innsbruckerin Anneliese Schuh-Proxauf (94) gewannen das erste Hahnenkammrennen der Nachkriegszeit.
Von Miriam Hotter
Kitzbühel –Karl Koller sitzt in der kleinen Stube seines Hauses in Kitzbühel, auf dem Tisch vor ihm liegt ein Buch, das Hunderte Zeitungsausschnitte und Fotos beinhaltet: von Männern auf Skiern, die ein Tor nach dem anderen hinter sich lassen. Von Medaillen, die stolz in die Kamera gehalten werden. Und von Freunden, die nach dem Skirennen ein Bier zusammen trinken.
Koller stöbert gerne in alten Erinnerungen, die seine Erfolge als Skirennläufer wieder lebendig werden lassen. Zum Beispiel, als er 1946 das erste Hahnenkammrennen der Nachkriegszeit gewann. „Es hat sich so viel verändert“, sagt der 97-Jährige, wenn er heute auf das Rennen blickt. „Ski fahren auf Kunstschnee und Eis ist zur Akrobatik geworden“, ist der Kitzbüheler überzeugt. In einem seiner Bücher hat er einleitend geschrieben, dass Skilauf ein Tanz auf Skiern sei, wie ein Wiener Walzer, doch davon sei nicht mehr viel übrig geblieben. Stattdessen gleiche der heutige Skilauf einem Rumba oder Samba. Die einzigen Läufer, die Koller an den Fahrstil von damals erinnern würden, seien der Norweger Henrik Kristoffersen und der Franzose Alexis Pinturault. Und was ist mit Österreichs Aushängeschild Marcel Hirscher? „Der ist eine Kampfmaschine, der sowohl sein Gerät als auch seinen Stil beherrscht.“
Doch nicht nur die Art und Weise des Skifahrens habe sich geändert. „Der Egoismus ist stärker geworden.“ Koller erinnert sich in diesem Zusammenhang an ein Skirennen am Arlberg, das 1947 stattfand. „Meine Skier wurden am Vorabend gestohlen.“ Von seinem guten Freund Josef „Pepi“ Salvenmoser habe er sich deshalb ein Paar ausgeliehen – Streamline, das neueste Modell, mehrfach verleimt. Doch dann das Unglück: Koller stürzte und beide Brettln brachen auseinander. „Ich habe mich gar nicht zum Pepi getraut.“ Doch dieser reagierte mit Verständnis. „Macht nichts, Karl. Das hätte mir auch passieren können“, soll er gesagt haben. „Das war noch Kameradschaft. Ich werde das dem Pepi nie vergessen“, sagt Koller, der von 1950 bis 1975 die Skischule „Rote Teufel“ in Kitzbühel leitete.
Zu seinen früheren Schülerinnen gehört Anneliese Schuh-Proxauf, die an diesem Tag im Hotel „Purner“ in Thaur zu Mittag isst. Die 94-Jährige hat sich für eine Gemüseplatte entschieden. „Heute einmal etwas ganz G’sundes“, sagt sie lachend. Doch das Essen wird nebensächlich, sobald sie beginnt, aus ihrer Zeit als Skirennläuferin zu erzählen. „Damals nahmen nur wenige Frauen an Rennen teil. Die Mütter hatten Angst um ihre Töchter und wollten das nicht“, sagt Schuh-Proxauf.
Die meisten von ihnen seien auf dem Land aufgewachsen, wo das Skifahren zum Alltag gehörte. „Viele haben auf einer Hütte am Berg gewohnt und sind mit den Skiern in die Schule gefahren.“ Schuh-Proxauf sei als „Stadtmädchen“ aus Innsbruck eine Ausnahme gewesen.
Doch eines hätten alle gemeinsam gehabt: den olympischen Gedanken. „Das Wichtigste war, dabei zu sein.“ Trotzdem tut es ihr heute noch weh, wenn sie an ihren „verlorenen Sieg“ 1950 bei der Weltmeisterschaft in Aspen denkt. „Als ich ins Ziel kam, wurde ich als Siegerin bejubelt.“ Doch die Freude sollte nicht lange währen: „Die Zeitnehmung hätte nicht funktioniert und ich wurde auf den fünften Platz gereiht.“
Dafür darf sich Schuh-Proxauf als erste Hahnenkamm-Siegerin nach dem Zweiten Weltkrieg nennen. „Wir starteten damals unterhalb der Mausefalle. Wir sind die gleiche Strecke wie die Männer gefahren, auch über die Hausbergkante.“ Und darauf ist sie heute stolzer denn je.