Kabelträger im Feenstaub: „The Fairy Queen“ im Theater an der Wien
Wien (APA) - Eine „Fairy Queen“ ohne Fairy Queen, eine Kulisse hinter der Kulisse, barockes Musikdekor für ein zeitgenössisches Beziehungsdr...
Wien (APA) - Eine „Fairy Queen“ ohne Fairy Queen, eine Kulisse hinter der Kulisse, barockes Musikdekor für ein zeitgenössisches Beziehungsdrama: Das Theater an der Wien hat gestern, Donnerstag, Abend unter viel Beifall die selten gespielte „Semi-Opera“ von Henry Purcell herausgebracht. Ein geschickt gebauter Musiktheaterabend, an dem gewagt und gewonnen, aber nicht gezaubert wurde.
Komponiert wurde diese nicht einmal halbe Oper aus 1692 als musikalische Umrahmung für die Aufführung des „Sommernachtstraum“, eine innere Handlung ist darin nicht auszumachen, Feen und Fabelwesen agieren und schmücken in Shakespeares Kosmos ohne Anspruch auf Selbstständigkeit. Das Werk solo auf die Bühne zu bringen, bedeutet also eine Carte Blanche für die Regisseurin. Und Mariame Clement zögert nicht, sie auszuspielen.
Ihr Stück spielt im Heute, auf der Probebühne, wo an einer „Fairy Queen“ gearbeitet, vor allem aber im Fünfeck geliebt und gesehnt und gelitten wird. Nur lose von Shakespeare entlehnt sind die Liebesgeschichten, die sich weniger durch Dialoge als durch stumm eingeblendete Gedanken entfalten. Die Personenführung ist minutiös und lebendig, die Passform der Arien ins Geschehen bleibt immerhin nachvollziehbar, die Bühne bietet durch eine Fülle kleiner Handlungen und intelligenter Einsätze des wie immer phänomenal disponierten Schoenberg Chores viel zu Entdecken. Über fünf Akte währt die Halbwertszeit des Regiekonzepts freilich trotzdem nicht.
Die Rollen - von der Sängerin, die eine Hauptrolle gewinnt, aber ihren Liebsten verliert, zum betrunkenen Ausstatter, vom Regisseur mit Kreativkrise zum Schauspieler, der seine Homosexualität akzeptiert - hat Clement mit den Darstellern ganz neu erfunden. Mindestens so sehr Schauspieler wie Sänger, präsentiert sich das Ensemble rund um Anna Prohaska, Florian Boesch und Kurt Streit als charismatisch und flexibel, mit guten (Prohaska und Streit), sehr guten (Rupert Charlesworth, Marie-Claude Chappuis) und herausragenden (Boesch) musikalischen Momenten.
Immer wieder versucht Clement der Musik den Weg zu ebnen, indem sie das Gewusel auf der Bühne plötzlich erstarren lässt, es wegblendet und nur einen Sänger in den Lichtkegel taucht. Da merkt man, dass sie ein Problem ihres Konzepts richtig erkannt - und letztlich keine befriedigende Lösung dafür gefunden hat: Die Musik wird immer wieder zum atmosphärischen Hintergrundteppich, zum Soundtrack einer mittelmäßig originellen TV-Serie über das Leben Backstage.
Das liegt auch an der Performance der Les Talens Lyriques unter Christophe Rousset, die im Graben zwar behände mit der spröden Klangqualität ihrer historischen Instrumente ringen, aber nach zwei Stunden akkuraten Dahinplätscherns erst gegen Ende zu echter Strahlkraft finden. Das ist mehr als nur schade. Denn bei allem Regie-Geschick sind die szenischen Lösungen bei einem solchen Abend doch nur das: Lösungen für das Problem, diese wunderbare, aber nicht so recht ins übliche dramaturgische Format passende Musik in ein Opernhaus zu bringen. Das fabelhafte Versprechen der „Fairy Queen“ einzulösen hätte letztlich die musikalische Zauberkraft des Abends.
Bei allem berechtigten, vereinzelte Buh-Rufe locker übertönenden, Jubel für einen akrobatischen Musiktheaterspagat zwischen ganz alt und ganz neu, hat man also doch auch ein Lehrstück darüber geboten, dass die Grenzen zwischen dem Scheitern auf hohem Niveau und dem erhebenden Gelingen des Unmöglichen elastisch und fließend sind.
(S E R V I C E - „The Fairy Queen“ von Henry Purcell, Szenische Neuproduktion von Mariame Clement, Julia Hansen und Lucy Wadham. Musikalische Leitung: Christophe Rousset. Mit Anna Prohaska, Kurt Streit, Florian Boesch, Marie-Claude Chappuis, Rupert Charlesworth, Les Talens Lyriques, Arnold Schoenberg Chor. Weitere Vorstellungen am 21., 23., 26. und 30. Jänner, 19 Uhr, www.theater-wien.at)