Gewalt, Zusammenhalt und Zerfall: Platels „nicht schlafen“ in Wien

Wien (APA) - Gustav Mahlers Musik, die „die fragmentierte Welt bis kurz vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs zeichnet“, bildet die Basis für...

Wien (APA) - Gustav Mahlers Musik, die „die fragmentierte Welt bis kurz vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs zeichnet“, bildet die Basis für die jüngste Arbeit von Alain Platel, die das Tanzquartier Wien am Donnerstag im Volkstheater zeigte. Mit seiner Compagnie Les Ballets C de la B schuf der Belgier einen dichten Abend rund um Gewalt, Zusammenhalt und Zerfall in einer bunt zusammengewürfelten Gesellschaft.

Die Parallelen scheinen auf der Hand zu liegen: Themen wie Globalisierung, Terrorismus und neue Formen der Kommunikation dominieren den Alltag an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, in der Gesellschaft brodelt es, die kommenden Umstürze schwirren bedrohlich in der bis zum Bersten gespannten europäischen Luft. Etwas mehr als 100 Jahre später greift Alain Platel dieses Lebensgefühl, das auch heute wieder den aktuellen Diskurs bestimmt, für seine neue Choreografie auf.

Zunächst sind es Kuhglocken und Tiergeräusche, die in der von Steven Prengels geschaffenen Soundkulisse die düstere Szenerie von Berlinde De Bruyckeres Bühnenbild bestimmen. Langsam betreten neun Tänzer die Bühne, verharren in statischen Positionen und lassen die scheinbare Idylle auf sich wirken. Doch schon die beiden auf einem Podest drapierten Pferdekadaver im Hintergrund verheißen nichts Gutes. Mit dem Einsetzen der ersten Klänge aus dem 5. Satz von Mahlers Zweiter Symphonie beginnt jedoch eine Schlacht, die die zuvor aufgebaute Spannung jäh zerreißt. Im wilden Tumult schlagen und balgen sich die Protagonisten, jeder gegen jeden, reißen einander die Kleider vom Leib und treffen in einer Mischung aus Massenschlägerei und Gangbang aufeinander, dass die Körper - verstärkt von den Bühnenmikrofonen - nur so klatschen.

Geschickt verwebet Steven Prengels in diesen rund 100 Minuten Mahlers Originalklänge mit seinen Soundscapes, die sich aus zugespielten Kompositionen und Live-Geräuschen der Darsteller speisen. Unter den Tänzern findet sich mit Berengere Bodin die einzige Frau im Ensemble, die in der Gruppe von Männern immer wieder zwischen Opfer, Objekt der Begierde und selbstbestimmter Weiblichkeit changiert. Eine konkrete Geschichte bleibt Alain Platel in „nicht schlafen“ zwar schuldig, er braucht sie aber auch gar nicht. Thema ist das Zueinanderfinden der Protagonisten, das fragile Entstehen einer Gruppe, die sich kurze Zeit später scheinbar grundlos wieder auflöst und deren Mitglieder sich wahllos bekämpfen.

Deutlich sichtbar und auch durch vereinzelte Pas-de-deux hervorgehoben sind die ethnischen Zugehörigkeiten: Mit Boule Mpanya und Russell Tshiebua hat Platel zwei Performer aus der Demokratischen Republik Kongo verpflichtet; Prengels hat mit zwei traditionellen afrikanischen Kompositionen von Mpanya auch einen musikalischen Kontrapunkt zu Gustav Mahler integriert. Mit Ido Batash ist auch ein Tänzer aus Israel im Team. Als bärtige Kontrahenten der beiden blonden französischen Tänzer David Le Borgne und Roman Guion agieren der Franzose Samir M‘Kirech, der Belgier Elie Tass und der Italiener Dario Rigalia. Zum Schlafen kommt hier niemand, die plötzlich auftretenden Bedrohungen, der Mangel an nachhaltigem Zusammenhalt der Gruppe und nicht zuletzt die sexuelle Gewalt, die in jedem zu schlummern scheint, erfordern höchste Konzentration. Lang anhaltender Applaus beschloss den aufrüttelnden Abend, mit dem die Compagnie noch bis zum Sommer durch Europa tourt.

(S E R V I C E - Weiterer Termin: Heute, 19.30 Uhr, im Volkstheater. www.lesballetscdela.be, http://tqw.at)