Geburtstag

Ein unbeugsames Mädchen wird neunzig

Sympathische und höchst vielseitige Anti-Diva der österreichischen Schauspielkunst: Erni Mangold.
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Erni Mangold mag keine Geburtstagsfeiern: Sie arbeitet lieber und steht zu ihrem 90er in „Harold und Maude“ auf den vertrauten Brettern der Josefstadt.

Von Bernadette Lietzow

Wien –„Sie ist der jüngste Mensch, den ich kenne“, sagt Michael Schottenberg mit liebevoller Bewunderung über seine einstige Schauspiellehrerin Ern­i Mangold. Bald neunzig und nach wie vor kein bisschen schmähstad ist sie, die Charakterdarstellerin, Kammerschauspielerin und kritische Zeitzeugin der (nicht nur) eigenen Geschichte und Gegenwart. Am 26. Jänner, neun Jahrzehnte, nachdem sie auf einem Wirtshaustisch im niederösterreichischen Großweikersdorf als Tochter kunstsinniger Eltern das Licht der Welt erblickte, wird sie als „Maude“ nicht nur mit dem jungen „Harold“, sondern ein letztes Mal auch mit ihrem Publikum in enge Beziehung treten.

Als umhegtes Einzelkind, Vermittlerin in der elterlichen „Strindberg-Ehe“ und fanatisches Vater-Mädchen mit laut Selbsteinschätzung nicht ganz glücklichem Händchen für Männer, charakterisiert sich die humorvoll abgeklärte Schauspielerin in ihren nun neu aufgelegten Erinnerungen. „Lassen Sie mich in Ruhe“ lautet der Titel des launigen Bandes, in dem Mangold neben ihrer Lebenserzählung auch die Geheimnisse einer beeindruckenden Fitness preisgibt, von Papagei Baz­i, ihren fahrbaren Untersätzen berichtet, und sehr ungeschminkt Begegnungen mit Kollegen zwischen berühmt und weltberühmt schildert.

Den Dirigenten Herbert von Karajan versetzte die 19-Jährige wegen eines kapitalen Katers, O. W. Fischer fing sich eine Ohrfeige ein und mit Gustav Gründgens, ein entgegen vieler Darstellungen „normaler Hansl“, war sie auf ironischem „Heil Hitler“. Hinter all dem Anekdotischen steckt jedoch eine von jung auf widerständige Frau, die sich früh gegen die Zuschreibungen und Zudringlichkeiten, denen nicht nur Schauspielerinnen in den 40er- und 50er-Jahren ausgesetzt waren, zur Wehr gesetzt hat. Dass die Glamour-Welt nichts ist für sie, die eigentlich Bäuerin werden wollte und diesen Traum mit ihrem Bauernhaus im Waldviertel seit Langem ein bisschen lebt, wusste Mangold von Anfang an. Nach den Vorstellungen zog sie mit dem blutjungen Helmut Qualtinger, mit Ernst Haas, ihrem Freund und späteren Magnum-Fotografen, sowie weiteren Spießgesellen auf der Suche nach der gestohlenen Pubertät durch das kriegszerstörte Wien, immer eher Existentialistin als „süßes Mädl“.

Ihre sehr erfolgreichen Theater- und Filmrollen definierten sie als „Sexbombe“, den Ruf als beeindruckende Charakterschauspielerin erwarb sie sich unter Gründgens am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, wo sie ihren späteren Mann Heinz Reincke kennen lernen sollte. Die Rückkehr nach Wien in den 1960er-Jahren bedeutet­e, im Windschatten der Karriere ihres Mannes, einen unfreiwilligen Rückzug ins Private, aus dem sie sich nach der Scheidung erst langsam wieder hervortraut: als Dozentin am Reinhardt-Seminar und später als vielgeliebte Professorin an der Akademie für darstellende Kunst.

„Meine Emanzipation begann mit 55“, ist Erni Mangolds Kommentar zu einem Lebensabschnitt, in dem sie noch einmal als Schauspielerin durchstartet. Finster, abgedreht oder ironisch, immer jedoch eindrucksvoll gestaltet sie ihre Rollen in diversen „Kottan“- und „Tatort“-Folgen oder Filmen von Linklaters „Before Sunrise“ bis zu Gerhard Polts „Und Äktschn!“. Ein neues, mutiges Kapitel, gekrönt nun mit ihrer (sag niemals nie?) letzten Bühnenrolle der „Maude“, schlägt die Anti-Diva in Houchang Allahyaris Film „Der letzte Tanz“ auf. Als an Alzheimer erkrankte Heimpatientin verführt sie den jungen Zivildiener und gibt damit der unbequemen Frage nach Sexualität und Alter ein selten zärtliches Gesicht.

Gezeigt wird der Film am morgigen Montag um null Uhr in ORF 2. Auf ihre Lebensspuren kann man sich schon heute in der ORF-„matinee“ und im Ö1-„Café Sonntag“ machen, in den kommenden Tagen folgen ein „Kulturmontag“ oder das „Im Gespräch/da capo“ am 27.1. im Sender Ö1. ORF III widmet der Jubilarin am 27.1. einen Programmschwerpunkt und die nach wie vor kecke Frau Mangold scheut auch nicht den Besuch bei den bösen Buben von „Willkommen Österreich“ (14. Februar). Alles Gute!

Buchtipp Erni Mangold: Lassen Sie mich in Ruhe. Erinnerungen. Aufgezeichnet von Doris Priesching, 320 S., Amalthea-Verlag, 25 Euro.