Ex-Wirtschaftsdelegierter Fellner: Der russische Zug rollt wieder an

Wien (APA) - Russlands Wirtschaft ist gerade dabei, sich „aus der Rezession herauszuschälen“, und davon werden auch die österreichischen Exp...

Wien (APA) - Russlands Wirtschaft ist gerade dabei, sich „aus der Rezession herauszuschälen“, und davon werden auch die österreichischen Exporteure profitieren, sagt Dietmar Fellner, der acht Jahre lang als Wirtschaftsdelegierter in Moskau die Interessen österreichischer Firmen vertreten hat. „Aber der paradiesische Zustand wie bis 2013, dass man alles dort verkaufen konnte - das wird es nicht mehr spielen.“

Wegen der im Zuge des Ukraine-Konflikts verhängten westlichen Sanktionen sei Russland gezwungen gewesen, die eigene Produktion zu forcieren, und es seien auch bisherige Lieferanten gezwungen gewesen, eigene Produktionen in Russland zu errichten. Speziell im Agrarbereich und in der Lebensmittelverarbeitung hätten diese Importsubstitutionen schon gefruchtet, sagte Fellner, der seit Jahresbeginn im Ruhestand ist. „In der Zwischenzeit hat die russische Landwirtschaft einen großen Schritt nach vorne getan und ist heute in der Lage, 100 Prozent des Bedarfs an Geflügelfleisch zu decken. Beim Schweinefleisch sind es ungefähr 70 Prozent und etwa 40 bis 50 Prozent beim Rindfleisch.“

Die Sanktionen gegen Russland hätten „niemandem etwas gebracht, sie haben eigentlich beiden Seiten einen Schaden zugefügt“, sagt Fellner. Die russische Bevölkerung haben sich „um den Mann, um den es eigentlich geht, mehr geschart, als es je vorher der Fall war“. Auch der österreichischen Exportwirtschaft hätten die Sanktionen geschadet. „Die österreichischen Exporte nach Russland haben sich in drei Jahren halbiert. Wir haben 2013 um 3,5 Mrd. Euro dorthin geliefert, im Jahr 2016 waren es 1,8 Milliarden.“

Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) spreche in der Frage der Sanktionen eine klare und deutliche Sprache, „und er sagt fast immer das Richtige“, so Fellner. Die Sanktionen „Zug um Zug“ aufzuheben, sei „die richtige Taktik“. Aus russischer Sicht sei derzeit aber die Ukraine am Zug. „Weil die Ukraine muss laut dem Minsk-Prozess eine Verfassungsreform vornehmen, mit der diese zwei abtrünnigen Republiken irgendeinen Status bekommen. Diese Verfassungsreform bringt der Herr (Präsident Petro, Anm.) Poroschenko in seinem Parlament aber nicht durch.“ Um aus der verfahrenen Situation herauszukommen, müsste vielleicht der Minsker Prozess neu definiert werden, meinte Fellner.

Für die Beziehungen zwischen den USA und Russland sei die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten „etwas Positives“, glaubt Fellner. „Bei Trump besteht die Chance, dass sich das Verhältnis verbessert. Bei der Frau Clinton hätte es diese Chance nicht einmal gegeben, die hat in Russland immer den großen Feind gesehen.“

Die Rezession, in die Russland durch den Verfall der Öl- und Gaspreise und die Sanktionen geraten war, sei nun überwunden, sagte Fellner. Die russische Wirtschaft werde heuer nach Meinung aller damit befassten Ökonomen wieder wachsen. Erwartet werde ein Wachstum von 1,5 Prozent. Das sei nicht viel, „aber ich vergleiche die russische Wirtschaft mit einem Güterzug auf der Transsibirischen Eisenbahn. Diese Güterzüge sind bis zu einem Kilometer lang, und es dauert sehr lange, bis so ein Zug zusammengestellt ist und ins Rollen kommt. Wenn er aber einmal unterwegs ist, dann bewegt er einiges.“ Beim aktuellen Ölpreis werde die russische Wirtschaft bis 2020 um durchschnittlich 1,5 bis 2 Prozent pro Jahr wachsen. Das Wachstum könne sich aber auch rascher verbessern, wenn der Ölpreis wieder steige. Das russische Staatsbudget werde etwa zur Hälfte durch den Verkauf von Energieträgern - vor allem Öl und Gas - finanziert.

Die Exportchancen für Österreich seien vor allem für den Maschinen- und Anlagenbau intakt, sagte Fellner. „Das waren immer 50 Prozent unserer Exporte, dort liegen weiterhin unsere Chancen.“ Österreichische Firmen hätten 500 Niederlassungen in Russland, „und die haben diese Krise fast alle durchgetaucht, die sind ja nicht weggelaufen“.

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