Frauen in der Türkei dürfen wieder Kampfpilotinnen werden

Istanbul (APA) - Tausende Frauen atmeten auf, als die Abgeordnete der kemalistischen Oppositionspartei CHP, Aylin Nazliaka, verkündete: „Das...

Istanbul (APA) - Tausende Frauen atmeten auf, als die Abgeordnete der kemalistischen Oppositionspartei CHP, Aylin Nazliaka, verkündete: „Das Verteidigungsministerium hat die Entscheidung rückgängig gemacht, so dass Studentinnen und Studenten an allen Akademien teilnehmen können.“ Türkische Frauen dürfen sich wieder bei der Luftwaffe bewerben. Die islamisch-konservative AKP-Regierung wollte ihnen das verbieten.

Bis vor wenigen Wochen war es noch eine Selbstverständlichkeit, dass Frauen in der Türkei in der Marine und der Luftwaffe gleichberechtigt neben ihren männlichen Kollegen arbeiteten. Jedes Jahr akzeptierten die Militärakademien eine kleine Zahl von Studentinnen, welche zuvor das Gymnasium abgeschlossen hatten. Die Bewerberinnen müssen anspruchsvolle Medizin-, Sport und Wissenstests bestehen, um zugelassen zu werden. Wer es schafft und die Ausbildung erfolgreich absolviert, der hat einen krisensicheren Job. Nach den USA hat die Türkei die größte Armee in der NATO.

Bei den diesjährigen Bewerbungen jedoch verschwand plötzlich die Möglichkeit, dass Frauen sich für die Luftwaffe bewerben können. Ein Schock für potenzielle Bewerberinnen, und ein befremdlicher Umgang mit der eigenen Geschichte.

Denn weibliche Piloten hatten schon immer einen besonderen Platz in der türkischen Luftwaffe seit Gründung der Republik 1923 durch Mustafa Kemal Atatürk. Seine Adoptivtochter Sabiha Gökcen ist die erste Kampfpilotin der Welt. Sie soll rund 32 Kampfmissionen geflogen sein, in Istanbul wurde der Flughafen auf der asiatischen Seite nach ihr benannt. Wer etwas „Kritisches“ über sie sagt, muss mit ernsthaften Konsequenzen rechnen. Als der armenisch-türkische Journalist Hrant Dink 2004 die Vermutung äußerte, Gökcen sei ein armenisches Waisenkind gewesen, wurde er wegen „Beleidigung des Türkentums“ zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Auch die ersten NATO-Pilotinnen kamen aus der Türkei. Nach Regierungsangaben wurden schon von 1955 bis 1959 insgesamt 20 Studentinnen in die türkische Luftwaffenakademie aufgenommen. Im Jahr 1992 begannen alle militärischen Akademiezweige Frauen aufzunehmen.

Nun sollten in der Luftwaffe den Frauen die Türen wieder verschlossen werden. Doch sie setzten sich zur Wehr, vor allem Frauen, die sich bewerben wollten, organisierten sich in sozialen Netzwerken. Eine junge Frau namens Tugba Cerav initiierte eine Online-Petition, denn ihre Schwester träumte davon, sich zur Kampfpilotin ausbilden zu lassen. Im Parlament setzte sich vor allem die CHP-Abgeordnete Nazliaka für die Frauen ein.

Am Dienstag räumte Verteidigungsminister Fikri Isik ein, dass er die „Sensibilität“ des Themas unterschätzt habe. Er fuhr mit vagen Worten fort, dass die Entscheidung, Frauen aus der Luftwaffe auszuschließen, auf der Idee beruht habe, dass es keine Notwendigkeit für weibliche Offiziere gebe. Doch wenn es Bewerberinnen gebe, dann würden diese nun doch berücksichtigt werden.

Nazliaka warnte trotz des errungenen Sieges davor, dass Frauen von der AKP immer weiter in die Haushalte verbannt werden würden. Wiederholt habe die AKP politisch versucht, den Wirkungskreis der Frauen auf die Privatbereiche zu beschränken. „Während der AKP-Ära haben wir aufgehört, Fortschritte in Bezug auf die Rechte und Freiheiten der Frauen zu erzielen. Vielmehr sehen wir es als Erfolg, wenn wir das bewahren können, was wir jetzt haben“, kritisierte sie.