Alexander Van der Bellen - Ex-Grüner Professor ist Bundespräsident
Wien (APA) - Am 4. Dezember kam das große Aufatmen: Alexander van der Bellen hatte nach einem schier endlosen Wahlkampf seinen freiheitliche...
Wien (APA) - Am 4. Dezember kam das große Aufatmen: Alexander van der Bellen hatte nach einem schier endlosen Wahlkampf seinen freiheitlichen Kontrahenten besiegt und das Bundespräsidentenamt errungen. Der ehemalige Grünen-Chef, bekannt als europafreundlicher Wirtschaftsliberaler mit neu entdeckter Heimatliebe, trotzte damit dem weltweiten Trend zum Wutwählen. Am Donnerstag tritt er sein Amt an.
Dass es Van der Bellen auch in der vom Verfassungsgerichtshof angeordneten (und wegen defekter Briefwahlkuverts verschobenen) Wahlwiederholung noch einmal schaffen würde, lag nicht unbedingt auf der Hand. Denn bei der ersten Stichwahl war der Abstand ausnehmend knapp, zudem hatte das freiheitliche Lager durch den Wahlsieg des populistischen Republikaners Donald Trump in den USA ein psychologisches Hoch.
Doch Van der Bellen konnte den internationalen Trend, dass sich der Wähler zunehmend gegen das sogenannte Establishment wendet, stoppen. Dafür nahm der für seine Authentizität bekannt gewordene Tiroler durchaus auch eine Image-Korrektur in Kauf.
Galt Van der Bellen bis vor wenigen Monaten noch als eher wähler-scheu, tourte er nun seit dem Sommer von Volksfest zu Volksfest, legte Tracht an und bemühte sogar Rainhard Fendrichs patriotischen Herzerwärmer „I am from Austria“, um die Österreicher davon zu überzeugen, dass er nicht der finstere Kommunist und Freimaurer ist, vor dem die FPÖ warnte.
Der Wahlkampf ließ Van der Bellen, der seine Parteimitgliedschaft bei den Grünen ruhend gestellt hat, auch inhaltlich Konzessionen machen, etwa bei CETA und TTIP. Dabei ist Populismus nicht seine Sache. Auch im grünen Kosmos konnte er stets eigenständige Positionen vertreten, ohne sich allzu sehr um die Konsequenzen zu scheren. Der Basis war er immer zu wirtschaftsliberal, und als seine Partei noch gegen Österreichs EU-Mitgliedschaft agitierte, war er schon glühender Befürworter eines Beitritts.
Nicht nur außenpolitisch ist anzunehmen, dass Van der Bellen der Linie seines Vorgängers Heinz Fischer treu bleiben wird. Der neue Präsident wird sich demnach wohl eher nach Brüssel denn nach den zunehmend nationalistisch geprägten Staaten Osteuropas ausrichten.
Von seiner Herkunft her ist Van der Bellen international geprägt. Er entstammt einer estnisch-russischen Bildungsbürger-Familie, die vor der Roten Armee über Deutschland nach Österreich flüchtete. Van der Bellen wurde in Wien geboren, wuchs dann im Tiroler Kaunertal auf und absolvierte schließlich die Schullaufbahn in Innsbruck, wo er gemäß einer Familientradition auch ein Wirtschaftsstudium abschloss.
Politisch wurde Van der Bellen, der anfangs ÖVP, lokal aber auch einmal KPÖ wählte, zum Spätzünder. Schon als Professor für Volkswirtschaftslehre lernte ihn der spätere Promi-Grüne Peter Pilz kennen und lockte das frühere SPÖ-Mitglied in seine Partei. Als Kandidat für den Rechnungshof-Präsidenten noch gescheitert, zog Van der Bellen wenig später, konkret 1994 als Abgeordneter in den Nationalrat ein.
Es dauerte nicht lange, bis der fachkundige Professor mit guter Rhetorik, stets verstehen mit einem Schuss Humor, zum Star der Grünen aufstieg, deren Politik er über ein Jahrzehnt lang als Bundessprecher und Klubobmann prägte. Eine Niederlage gab es für Van der Bellen am Verhandlungstisch, als sich der von ihm durchaus geschätzte Wendekanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) für eine Neuauflage von Schwarz-Blau entschied, statt die Grünen in die Regierung zu holen. Als die Nationalratswahl 2008 nicht so gut lief wie erhofft, übergab er an seine langjährige Kronprinzessin Eva Glawischnig.
Im Präsidentschaftswahlkampf versuchte er, sich als unabhängiger Hofburg-Kandidat zu inszenieren, was erstaunlich gut gelang. Dennoch schrieb er mit seiner Wahl zum Staatsoberhaupt Grüne Parteigeschichte - und er setzte ein Signal, indem er als Kandidat jenseits von SPÖ und ÖVP den scheinbar unaufhaltsamen Vormarsch der FPÖ zumindest am Tor der Hofburg stoppte.
Seine Nagelprobe könnte freilich bald kommen, sollte nämlich demnächst der Nationalrat neu gewählt werden und Van der Bellen mit einer Mehrheit unter FPÖ-Beteiligung konfrontiert sein. Ob die markigen (und später abgemilderten) Ansagen, wonach er einen Kanzler Strache nicht angeloben würde, dann der Realität standhalten, wird interessant zu beobachten sein.
Zur Person:
Alexander Van der Bellen, geboren am 18. Jänner 1944 in Wien als Sohn einer estnischen Mutter und eines russischen Vaters. Aufgewachsen im Tiroler Kaunertal. Studierte Volkswirtschaft und unterrichtete als Uni-Professor sowohl in der Tiroler Hauptstadt als auch in Wien. Aus seiner ersten, im Herbst 2015 geschiedenen Ehe hat er zwei Söhne. Seit Kurzem ist er mit Doris Schmidauer, Geschäftsführerin im Grünen Parlamentsklub, verheiratet.