Baubranche wächst, aber Kritik am Bildungssystem
„Die Anforderungen am Bau steigen, das Bildungssystem kann damit aber nicht Schritt halten“, beklagt der Tiroler Innungsmeister Anton Rieder.
Von Serdar Sahin
Innsbruck, Wien –Die Tiroler Bauwirtschaft geht optimistischer in die heurige Bausaison als in den vergangenen Jahren. Während ein negativer Geschäftsklimaindex, der die wirtschaftliche Lage der Tiroler Firmen und deren Erwartungen wiedergibt, zum Jahreswechsel saisonbedingt eher üblich ist, liegt er heuer bei plus 17 Prozentpunkten. Zum Vergleich: Im Winter 2015/16 lag dieser Wert noch bei minus drei Punkten und ein Jahr davor noch tiefer bei minus 27 Punkten.
Das kommt nicht von ungefähr: Denn die Erlöse in der österreichischen Baubranche sind laut Wirtschaftskammer (WK) Wien im Vorjahr um 3,5 Prozent gestiegen. Die größten Umsatzträger waren dabei der Wohnungs- und Siedlungsbau gefolgt von Adaptierungsarbeiten im Hochbau. Weiters sieht die Wiener Kammer die Aussichten für 2017 positiv, „wird doch dieses Jahr ein Wachstum von 1,6 Prozent für Österreich prognostiziert“, heißt es gegenüber der TT.
Auch Anton Rieder, Innungsmeister des Tiroler Baugewerbes, spricht von einem deutlichen Anstieg der Bauleistung im Land – genauere Zahlen dazu gebe es erst später im Jahr. Dennoch ortet er Probleme. Es sei zwar davon auszugehen, dass die Erträge der Tiroler Baubetriebe 2016 höher ausfallen würden als im Jahr davor, dennoch sei die Ertragssituation „insgesamt nicht zufriedenstellend“, beklagt Rieder. Die Renditen würden im Schnitt bei etwa zwei Prozent liegen und das sei eine „Katastrophe“.
Rieder zitiert dazu Zahlen von der KMU-Forschung. Demnach hätten ein Drittel der Bauunternehmen ein negatives Betriebsergebnis, bei weiteren 40 bis 45 Prozent liege dieser Wert zwischen null und fünf Prozent. Lediglich der Rest könnte ein Betriebsergebnis von mindestens fünf Prozent vorweisen. „Und Letzteres sollte man haben, um einen kleineren und mittleren Betrieb am Leben zu erhalten“, sagt Rieder.
Die heimische Baubranche beklagt auch einen Mangel an Fachkräften. „Schon seit Jahren hat die Kammer die Problematik des Fachkräftemangels erkannt und wirkt mit diversen Projekten diesem Problem entgegen“, sagt Rainer Pawlick, Wiener Bau- und Landesinnungsmeister. Es sei aber schwierig zu sagen, wo der Hebel angesetzt werden müsse. „Bei den Firmen oder grundsätzlich bei der Schulbildung der Jugendlichen?“, fragt sich Pawlick und liefert sogleich die Antwort darauf: „Viele Firmen sind bereit, Lehrlinge auszubilden, doch oft scheitern ihre Vorsätze am Mangel an geeigneten Lehrlingen. Das Fehlen einfachster Grundkenntnisse und die geringe Bereitschaft, zu lernen und sich zu engagieren, schreckt Ausbildungsbetriebe vor einer Aufnahme von Lehrlingen ab“, kritisiert Pawlick.
Auf die Frage, ob der Mangel an Grundkenntnissen bei Lehrlingen auch in Tirol ein Problem sei, antwortet Rieder, dass die Anforderungen am Bau steigen würden, aber das Bildungssystem könne damit nicht Schritt halten. „Da klafft eine Lücke“, sagt Rieder. Langfristig werde es deshalb schwieriger werden, „die Bauqualität zu halten“. Es sei aber „ermüdend, über die Besserung des Schulsystems zu diskutieren“, gibt sich Rieder resigniert. „Das müssen wir Betriebe selbst in die Hand nehmen“, schließt er.
Im Vorjahr wurden 2744 Lehrlinge in der Tiroler Bauwirtschaft beschäftigt – um 195 weniger als im Jahr davor. Dafür gibt es laut WK Tirol mehrere Gründe. Zum einen die demografische Entwicklung. Hinzu käme der Konkurrenzkampf nicht nur unter den Lehren an sich, sondern auch mit den Mittelschulen. Auf der anderen Seite gibt es für die Betriebe Prämien, wenn sie Lehrlinge ausbilden.