“Jackie“: Macht der Symbole im Weißen Haus
In Pablo Larraíns „Jackie“ spielt die aufregende Natalie Portman die Präsidentenwitwe Jacqueline Kennedy, die nach dem Broadway-Musical „Camelot“ die Heldengeschichte ihres ermordeten Mannes entwirft.
Von Peter Angerer
Innsbruck –Für seine Inauguration am 20. Jänner 2009 ließ sich Barack Obama, der 44. US-Präsident der USA, aus der Kongressbibliothek jene Bibel bringen, auf die bereits Abraham Lincoln 1861 seinen Amtseid geschworen hatte. Lincoln war es gewesen, der mit seiner Unterschrift die Sklaverei beendet hatte und dafür – 1865 – ermordet worden war. Auf die symbolträchtige Geste wollte auch der 45. Präsident und Obamas Nachfolger Donald Trump nicht verzichten und forderte seinerseits Lincolns Bibel an, um sich in eine Tradition zu stellen, aber um sicherzugehen und seine Anhänger nicht zu verunsichern, brachte er für den Schwur auch seine private Bibel mit. Wenn man nach einer weiteren Analogie sucht, findet sich in John F. Kennedys Angelobungsrede – als 35. US-Präsident – von 1961 als Symbol des Aufbruchs in ein neues Zeitalter der legendäre Satz „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst!“. Daraus wurde vor wenigen Tagen die Micky-Maus-Formulierung „America First“, als ginge es darum, eine Immobilie oder ein Auto zu verkaufen.
Bis zum Einzug der Kennedys war das Weiße Haus Regierungssitz und Museum, das 1962 erstmals für ein TV-Team geöffnet wurde. Die aufgeregte First Lady führte für den Film „A Tour Of The White House“ einen hölzernen Reporter durch Amts- und Privaträume, besondere Aufmerksamkeit wurde dabei den spartanischen Räumen der Familie Lincoln geschenkt. Dort ist dieses Dokument zu sehen, das den afroamerikanischen Sklaven die Freiheit brachte, und Jacqueline Kennedy zeigt auf zwei Fotografien, die Lincoln bei seinem Amtsantritt und kurz vor seiner Ermordung zeigen – es scheint sich um zwei verschiedene Männer zu handeln, die zumindest ein Altersunterschied von 20 Jahren trennt.
Vor dieser Last der Verantwortung fürchtet sich Jacqueline Kennedy (Natalie Portman), dabei ist noch kein Jahr vergangen, und ein Jahr später wird sie sich an diese Fremdenführung erinnern, um alles in ihrer Macht Stehende zu unternehmen, die ikonographische Bedeutung der Bilder zu steuern und Einfluss auf das Narrativ der Kennedy-Ära zu gewinnen.
Der akkurat nachgestellte TV-Film ist einer der drei Handlungselemente in Pablo Larraíns Biopic „Jackie“ über die drei Tage zwischen dem Attentat auf John F. Kennedy in Dallas und der Beerdigung auf dem Soldatenfriedhof von Arlington, für die Jackie gegen den Willen der Johnson-Administration den Ablauf des Lincoln-Trauerzuges rekonstruieren lässt. Der erhellende dritte Erzählstrang im Film ist ein Interview, das die Witwe einem gleichermaßen anonymen wie schmierigen Journalisten (Billy Crudup) gibt, um die Deutungshoheit über die Kennedys zu behalten.
Nach der Rückkehr aus Dallas und der Notvereidigung des bisherigen Vizepräsidenten in der Air Force One ist das Blut im rosafarbenen Chanel-Kostüm noch nicht eingetrocknet, aber vor der reinigenden Dusche erhofft sich Jackie, zwischen Schock und Müdigkeit taumelnd, etwas Trost von der Lieblingsplatte ihres getöteten Mannes. Seit 1960 war Frederick Loewes Musical „Camelot“ über König Arthur und seine Tafelrunde die Broadway-Sensation und zu Richard Burtons feinem Sprechgesang streift sich die Witwe blutverschmiertes Kostüm und Unterwäsche ab, schließlich war Jackie größer als alle Stars Hollywoods. Marilyn mochte für den Präsidenten Happy Birthday gesungen haben, aber Jackie hatte unter Schmerzen und neben einigen Totgeburten zwei Kinder zur Welt gebracht, die inzwischen drei (John-John) und fünf (Caroline) Jahre alt waren. Für diese beiden Kinder entwirft Jackie eine Märchenerzählung, deren Elemente sie nur zusammenzuklauben braucht. War der tote Präsident etwa nicht König Arthur, der bei den Krisen am Rand des Weltuntergangs seine Ritter um sich versammelte? So eine Geschichte lässt sich natürlich kein Journalist entgehen, aber Jackie weiß, wie das Geschäft funktioniert. Die Bemerkung über ihre grazile Art des Rauchens muss gestrichen werden, denn „Ich rauche nicht!“, sagt die Kettenraucherin mit einer Zigarette zwischen den Lippen. Die Ironie der Geschichte begegnet ihr auch in der Lincoln-Limousine. Auf der Fahrt zum Trauergottesdienst sieht sie, wie Dutzende Jackie-Puppen in Chanel-Kostümen in die Schaufenster eines Kaufhauses gestellt werden. Die Witwe ist zur Pop-Ikone geworden. Wie Natalie Portman die Gemütszustände dieser Ikone aufdeckt, ist aufregend zu beobachten, aber die Verblüffung über diese Verwandlungskunst verdankt sich vor allem dem Drehbuch von Noah Oppenheim.