Der Komponist, der Tirol Flügel verlieh: Philip Glass wird 80

Einer der einflussreichsten Komponisten der Gegenwart feiert am 31. Jänner seinen 80. Geburtstag: Philip Glass. Der US-Amerikaner hatte in den 1960ern mit seinem eigenen Ensemble die Stilrichtung der Minimal Music mitbegründet. Hierzulande ist seine Musik vor allem aus der Tirol Werbung bekannt.

  • Artikel
  • Video
  • Diskussion
Philip Glass.
© APA

Innsbruck — Zum zweiten Satz seines „Tirol Concerto" und dem dazugehörigen filmischen Adlerflug über die heimische Bergwelt lässt es sich perfekt in den Schönheiten des Landes schwelgen — ganz im Sinne der Tirol Werbung, in deren Auftrag Philip Glass das im Jahr 2000 bei den Klangspuren uraufgeführte Werk komponiert hat.

Dieser Tage probte Glass, 1937 in Baltimore als Sohn eines Schallplattenhändlers geboren, mit dem Linzer Bruckner Orchester seine 11. Symphonie, die am heutigen 80. Geburtstag des amerikanischen Komponisten in der New Yorker Carnegie Hall uraufgeführt wird.

Der US-Amerikaner hatte in den 1960ern mit seinem eigenen Ensemble die Stilrichtung der Minimal Music mitbegründet — im Gleichklang mit Landsmännern wie Steve Reich, Terry Riley, La Monte Young oder John Adams.

Anstelle abstrakter Klangexperimente setzte die junge Generation von Tonsetzern auf klassische Harmonik in Verbindung mit repetitiven Motivfragmenten — und war damit erfolgreich, wenn auch von Beginn an mit harter Kritik konfrontiert. Es waren die Vorbeben des gesellschaftlichen Aufbruchs der 1968er. Die Doyens wie Aaron Copland brachten erstarrt-spröde Alterswerke hervor, der Drive der Metropole New York, die sozialen Umwälzungen bildeten sich musikalisch nicht wieder.

Glass hingegen kreierte einen musikalischen Strom kontinuierlich fließender Rhythmen, die beim Hörer ähnliche Effekte wie ein Drogentrip auslösen können, auf Trance zielen. Fein austarierte Klangteppiche mit repetitiven Rhythmusstrukturen bilden bis heute die Grundlage des Glass'schen Stils. Stetig schälen sich aus dem Meer der breiten Klänge subtile Metamorphosen, Schlichtheit paart sich mit Opulenz, die mit zunehmendem Alter des Komponisten steigt, was sich nicht zuletzt an den monumentalen Symphonien zeigt, deren 11. demnächst in der New Yorker Carnegie Hall vom Bruckner Orchester uraufgeführt wird.

Entsprechend wehrt sich Glass mittlerweile gegen die Zuordnung zur Minimal Music, eine Bezeichnung, die vom britischen Kollegen Michael Nyman in den 1970ern in Anlehnung an die Minimal Art geprägt wurde. Schließlich will der in Baltimore geborene Glass aus dem Vollen schöpfen — in Stil und in Genre.

Junges Talent

So kündigte sich eine musikalische Karriere bei dem begabten Glass wenn vielleicht noch nicht in der Wiege, so doch bald danach an: Er lernte schon früh mehrere Instrumente, spielte in Orchestern und in Marschkapellen. Schließlich begann er eine konventionelle Musikerlaufbahn, die ihn nach Chicago und an die New Yorker Julliard School führte. Zwölftontechnik oder Serialismus lehnte er da bereits ab, ohne noch den eigenen Stil gefunden zu haben. Dies geschah beim Unterricht von Nadja Boulanger in Paris. Auch kam der US-Amerikaner lange vor den Beatles mit dem indischen Sitarmeister Ravi Shankar in Kontakt, bereiste Indien, Nordafrika, den Himalaya. Ab 1967 wieder in New York, war Glass' repetitiver Stil geboren.

Der Durchbruch gelang 1974 mit der Uraufführung seiner gut dreistündigen Komposition „Music in Twelve Parts" in der New Yorker Town Hall. Seine 1975 mit Robert Wilson erschaffene Oper „Einstein on the Beach" revolutionierte das Musiktheater durch den Verzicht auf dramaturgische Narration. Glass' Einstein ergeht sich am Strand, während die Opernbesucher wie nach einem großen Joint das Gefühl für Zeit verlieren. Mit Monumentalopern wie „Satyagraha" (1980), „Echnaton" (1984) oder auch „Kepler" zum Kulturhauptstadtjahr Linz 2009 etablierte sich Glass als einer der produktivsten Bühnenkomponisten seiner Zeit. Auch das neue Linzer Musiktheater wurde 2013 mit der Uraufführung seiner Handke-Adaption „Spuren der Verirrten" eröffnet.

Schließlich ist die Bindung des Komponisten an die oberösterreichische Landeshauptstadt eng. Zur großen Symphonik fand Glass nicht zuletzt durch die Freundschaft mit deren Generalmusikdirektor, dem Chefdirigenten des Linzer Bruckner Orchesters, Dennis Russell Davies. So erlebten die letzten der bis dato elf Symphonien und einige Opern ihre Ur- oder europäische Erstaufführung in Linz.

Unzählige Filmmusiken

Glass' großer Erfolg basiert allerdings zudem darauf, nicht nur das Bildungsbürgertum für sich einzunehmen, sondern auch die Film-oder Popfans. Seit den 1980ern komponiert er unablässig Filmmusiken (bis zum heutigen Tag weit über 100) — von ästhetischen Kunststreifen wie Godfrey Reggios „Koyaanisqatsi" über Martin Scorseses „Kundun" bis zu „Cassandra's Dream" von Woody Allen. Spätestens seit der Gründung seines eigenen Labels Orange Mountain Music 2001 kennt die Veröffentlichung des Glass-Oeuvres kein Halten mehr.

Zugleich zeigte sich der Komponist stets offen für Musiker anderer Provenienz wie David Bowie und Brian Eno, aus deren Werken er eine Symphonie formte. Auch Leonard Cohen, die Talking Heads oder Tangerine Dream arbeiteten mit Glass oder ließen sich von ihm inspirieren. Wenn Jugend Offenheit bedeutet, ist der bald 80-jährige Glass also bis heute jung geblieben. (TT, APA)


Kommentieren


Schlagworte