Mehrfache Vergewaltigung: Sechseinhalb Jahre für Außerferner

Lange Haftstrafe für Mehrfachvergewaltigung im Allgäu. Angeklagter wurde aus Gerichtssaal verwiesen.

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Von Helmut Mittermayr

Reutte, Ravensburg –Seit Mitte März 2016 saß ein Außerferner in der Justizvollzugsanstalt Ravensburg in Deutschland in Untersuchungshaft. Ab Oktober zog sich das Schöffenverfahren elf Verhandlungstage hin, bis vergangene Woche die Erste Große Strafkammer am Landgericht Ravensburg ein Urteil fällte. Der Tiroler wurde für schuldig befunden, seine frühere Freundin aus Isny im Allgäu in drei Fällen vergewaltigt zu haben – in Tateinheit mit schwerer, vorsätzlicher Körperverletzung, berichtet die Schwäbische Zeitung ausführlich über den bizarren Fall. Sechseinhalb Jahre muss der 37-Jährige nun hinter Gitter. Außerdem wurde er verurteilt, dem Opfer ein Schmerzensgeld in Höhe von 10.000 Euro plus Verzinsung zu bezahlen sowie für sämtliche materielle Schäden und Ansprüche geradezustehen. Auch die Kosten des Verfahrens wurden dem 37-Jährigen überantwortet. Die Fortführung der Untersuchungshaft wurde angeordnet, da noch nicht klar war, ob Pflichtverteidiger Orhan Uyar in Revision (Berufung) gehen könnte. Ob er dies tut, ließ er offen, er müsse sich erst mit seinem Mandanten besprechen. Auf Nachfrage der TT hieß es in der Kanzlei Uyars: „Wir dürfen keine Auskunft geben.“

Beim hohen Strafmaß spielten auch die Vorstrafen des Angeklagten eine Rolle. Seit 2006 waren fünf Verurteilungen gelistet, wobei allerdings alle Strafen bedingt ausgesprochen worden waren. Schuldig gesprochen wurde er dabei unter anderem auch einmal wegen sexueller Belästigung: Während eines Fußballspiels hatte er sein Geschlecht entblößt; viermal wegen einfacher Körperverletzung. Bei der „Strafzumessung“ von sechseinhalb Jahren seien neben der dreifachen Vergewaltigung mit den „entsprechenden Gewaltausbrüchen“ und einer weiteren vorsätzlichen Körperverletzung vor einem Isnyer Fitness-Studio außerdem „das Prozessverhalten“ des Angeklagten mit eingeflossen, erklärte der Richter den Zuhörern. Denn noch während der Urteilsbegründung war es zum Eklat gekommen: Der Außerferner betitelte die Ausführungen des Richters mehrfach mit „Schwachsinn“ und „Scheiße“, duzte den Vorsitzenden und nannte ihn einen „Kasper“. Mit einem lauten „Raus!“ ließ Richter Jürgen Hutterer ihn abführen. Der Richter zum – abwesenden – Angeklagten: „Angesichts der Dreistigkeit bin ich sprachlos. Mehr muss ich zur Urteilsbegründung nicht sagen.“ Die Nebenklägerin habe gegen dessen „massive Persönlichkeit“ keine Chance gehabt. Auch habe er gegenüber ihrem Therapeuten zumindest eine Vergewaltigung eingeräumt und sich selbst in WhatsApp- und Video-Nachrichten als Schläger und Vergewaltiger bezeichnet.

In seiner Urteilsbegründung gab es für den Richter keinen Zweifel, dass es in der Beziehung des Angeklagten zur Nebenklägerin zu massiven Vergewaltigungshandlungen gekommen sei. Auch die beiden Schöffinnen und die Beisitzer waren zur gleichen Ansicht gelangt. Opfer und Täter hätten eine Beziehung geführt, die für Außenstehende kaum nachvollziehbar sei. Der Angeklagte sei eine „äußerst problematische Persönlichkeit“, die dazu neige, schon aus banalen Gründen andere anzugreifen.

Auch ein psychologisches Gutachten wurde erstellt – der Kern: Der Angeklagte ist voll schuldfähig. Eine wie immer geartete Persönlichkeitsstörung wurde von Hermann Assfalg, Chefarzt für Forensische Psychiatrie und Rehabilitation in Weissenau, ausgeschlossen – berichtete die Schwäbische schon Anfang Februar. Auf Akten der Staatsanwaltschaft, Briefen, WhatsApp-Nachrichten, dem „außergewöhnlichen Umfang“ an Videos und etwa 70.000 Fotos basierte das Gutachten. Dem Angeklagten bescheinigte der Psychiater eine narzisstische Ausprägung, aber keine Störung.

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In seinem Gutachten habe er versucht, eine tiefenpsychologische Psychodynamik darzustellen, was er sonst sehr selten mache. Das „Paradieszusammentreffen“ mit der Partnerin sei, in Verbindung mit dem von ihr eingestandenen Helfersyndrom, der Sehnsucht des Angeklagten nach Bestätigung und Bewunderung entgegengekommen. Diese „impulsive Komponente“ habe sich in der „Beziehung mit dem Topf-Deckel-Prinzip zum Schlimmsten, was vorkommen kann“, ausgewachsen, einer beiderseitigen psychologischen Identifikation.

Wie immer bei solchen Verhandlungen kamen Verhaltensweisen ans Licht, von denen die Involvierten nie gedacht hätten, dass sie je vor einer breiten Öffentlichkeit thematisiert würden. Etwa ein längeres exzessives gemeinsames Sexualleben samt Rollenspielen, in die die Vergewaltigungen – zumindest was laut Angeklagten die zeitliche Abfolge betrifft – eingebettet waren. Der 37-Jährige hatte im Verfahren angegeben, er sei ebenfalls von seiner Partnerin vergewaltigt worden.


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