Pressestimmen zum Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich

Paris (APA/AFP/dpa) - Internationale Tageszeiten beschäftigen sich am Donnerstag mit dem turbulenten Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich...

Paris (APA/AFP/dpa) - Internationale Tageszeiten beschäftigen sich am Donnerstag mit dem turbulenten Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich:

„Corriere della Sera“ (Rom):

„Die französischen Präsidentschaftswahlen sind bereits eine Mischung aus einem Roman a la Balzac und einer TV-Serie: Ein bisschen die menschliche Komödie, ein bisschen House of Cards. Zum ersten Mal könnten die zwei konstituierenden Kräfte der Fünften Republik nicht in die Stichwahl um den Elysee-Palast ziehen. Die Linke hat sich bereits umgebracht (...). Und gestern hat auch die republikanische Rechte einen weiteren Schritt in Richtung Abgrund getan. (...) Das bedeutet, dass Marine Le Pen - um einen militärischen Lieblingsausdruck ihres Vaters zu verwenden - ein „Schussfenster“ hat: eine Chance. (...) Der Sieg der Tochter von Jean-Marie Le Pen bleibt unwahrscheinlich, aber er ist nicht länger unmöglich.“

„Welt“ (Berlin):

„Aufgeben will Fillon dennoch nicht. Als er in Paris vor die Presse trat, beklagte er stattdessen ein ‚politisches Attentat‘ und eine instrumentalisierte Justiz. Ausgerechnet der Kandidat der Konservativen erhebt sich damit über die französische Justiz. Das zeugt von anarchistischem ‚panache‘, den man dem Citoyen Fillon kaum zugetraut hätte. Ganz ähnlich argumentiert Marine Le Pen, die vor der Wahl nicht mehr zum Vorwurf fiktiver Beschäftigungen von FN-Mitarbeitern im EU-Parlament befragt werden möchte. Der Unterschied zu Fillon ist, dass es ihrem Ansehen und ihren Umfragewerten nicht schadet. Denn sie hat gar keine moralische Reputation, die sie verlieren könnte.“

„Dernieres Nouvelles d‘Alsace“ (DNA) (Straßburg):

„Fillon ähnelt einem General auf dem Weg zum Sieg, der aufgrund fatalerweise unterschätzter Hindernisse überstürzt seine Pläne ändern muss. (...) Jeder Versuch, das Blatt zu wenden, wird von einer neuen juristischen Episode durchkreuzt. Der Termin am 15. März (wenn Fillon bei Ermittlungsrichtern vorgeladen ist, die ein Verfahren gegen ihn einleiten wollen) belastet jede Initiative. Es gibt nichts Schlimmeres für einen Kandidaten, als dazu verdammt zu sein, sein eigenes Lager neu zu mobilisieren, wenn er eigentlich seine Zielgruppe erweitern müsste. Der vor Weihnachten begonnene Triumphzug ist zu einem Kreuzweg geworden. Zwei Monate vor dem ersten Wahlgang war geplant, dass Francois Fillon seiner Siegerposition den letzten Schliff gibt. Ihm bleibt nur, sich als Opfer zu präsentieren und seine Wunden zu zeigen, um Mitleid über sein Schicksal zu erregen. Das Gegenteil einer Spitzenposition.“

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„Liberation“ (Paris):

„Entscheidend ist nicht, dass Fillon (...) versucht, andere Politiker oder die Presse zu diskreditieren (...). Sondern dass er auf seinem suizidalen Kurs den Rechtsstaat untergräbt, auf dem unser Gesellschaftsvertrag beruht. Die Schuldigen sind ihm zufolge nicht diejenigen, die Unregelmäßigkeiten begehen, sondern diejenigen, die sie bekämpfen, nämlich die Richter der Republik. Dabei machen sie nur ihre Arbeit. Seine Verteidigung in der „Penelope-Affäre“ ist katastrophal: Er hat nicht den geringsten Beweis vorgelegt, der die Realität der Arbeit seiner Frau belegen könnte. (...) In einem Klima der mehr oder weniger latenten Revolte gegen die Eliten hat Fillons heftiger Angriff auf die Justiz den Effekt, das Recht zu delegitimieren (...). Indem sie ihren Kandidaten allen Hindernissen zum Trotz im Rennen lässt, fügt seine Republikaner-Partei sich selbst ein Handicap zu, das den Wahlkampf belastet und das bereits wackelige Vertrauen der Bürger in die Rechtsinstitutionen untergräbt.“

„El Mundo“ (Madrid):

„Die unverantwortliche Haltung Fillons kann nicht nur die Konservativen teuer zu stehen kommen, sondern der Gesamtheit der französischen Politik, die bereits von Arbeitslosigkeit, vom jihadistischen Terrorismus und der Herausforderung der Migration in Mitleidenschaft gezogen wird. Der kometenhafte Aufstieg von (der Rechtspopulistin Marine) Le Pen hat mit ihrer Geschicklichkeit zu tun, solche Affären auszunutzen, aber auch mit der Torheit einer politischen Führung, die von Günstlingswirtschaft zerfressen ist. Bei den Ermittlungen gegen den Kandidaten der Republikaner wurde enthüllt, dass mehr als hundert Abgeordnete der Nationalversammlung zumindest einen Verwandten als Assistenten beschäftigen. Fillons Halsstarrigkeit, die Kandidatur aufrechtzuerhalten, ist ein schlimmer Fehler, der dem extremistischen Diskurs der Kandidatin der Front National neue Munition gibt.“

„Paris-Normandie“ (Paris):

„Indem er an seiner Kandidatur festhält, tötet Francois Fillon seine politische Familie und die Hoffnungen von Millionen Parteimitgliedern, Anhängern und Franzosen. Wie kann er noch glauben, dass konservative Wähler ihre Augen vor den schweren Verdächtigungen verschließen, die auf ihm lasten? Er hält die Wähler wohl für Idioten.“


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