Nach Strahlenunfall in Innsbruck: Professor und Assistentin angeklagt

Die Umstände des Strahlenunfalls in der alten Chemie-Uni sind geklärt. Ein Ex-Professor und dessen Assistentin wurden wegen fahrlässigen Umgangs mit Kernmaterial angeklagt.

Nach dem Strahlenunfall musste die Chemie-Uni im Mai 2013 gesperrt werden.
© Thomas Böhm

Von Reinhard Fellner

Innsbruck, Seibersdorf – Im April 2013 kam es in Innsbruck zu einem Ereignis mit lokalem Seltenheitswert. So war beim Umsiedeln des letzten Chemie-Instituts der Universität Innsbruck von der „Alten Chemie“ am Innrain in den Neubau des „Centrums für Chemie und Biomedizin“ im Altgebäude radioaktive Strahlung entwichen.

Was man damals nicht wusste: Durch das mangelhaft verpackte Material war es auch in einer Lagerhalle in Seibersdorf zur Kontaminierung von dortigen Entsorgungsmitarbeitern gekommen.

Es benötigte seither knapp vier Jahre und zwei Gutachter, um den Unfall ermittlungstechnisch aufzuarbeiten. Nun kam es bei der Staatsanwaltschaft Innsbruck zur Doppelanklage gegen den damals mit den Aufräumarbeiten involvierten Professor und dessen Assistentin.

Staatsanwalt Hansjörg Mayr gestern auf Anfrage der Tiroler Tageszeitung: „Die Staatsanwaltschaft Innsbruck hat gegen einen Innsbrucker Professor und seine Angestellte beim Landesgericht einen Strafantrag eingebracht.“

Den beiden Angeklagten wird vorgeworfen, dass sie im April 2013 bei der Verpackung des radioaktiven Stoffes „Americium“ für den Versand nach Seibersdorf fahrlässig entgegen einschlägigen Vorschriften, ohne Verwendung einer Absaughaube oder einer geschlossenen Kammer mit Unterdruck, die Ampulle mit dem Stoff geöffnet hätten und nach Beendigung des Verpackungsvorgangs keine ausreichenden Kontaminationsmessungen durchgeführt und so ein kontaminiertes Versandstück nach Seibersdorf geschickt hätten.“ Dadurch ist es laut dem Sprecher der Staatsanwaltschaft zu radioaktiven Kontaminationen sowohl in einer Lagerhalle in Seibersdorf als auch im Gebäude der Alten Chemie in Innsbruck gekommen.

Mayr abschließend zur Anklage: „Für die Beseitigung der Kontaminationen waren Kosten von mehreren hunderttausend Euro aufzuwenden. Die beiden Angeklagten haben sich daher wegen des Vergehens des fahrlässigen, unerlaubten Umgangs mit Kernmaterial, radioaktiven Stoffen und Strahleneinrichtungen zu verantworten. Dieses Vergehen ist mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bedroht. Der zuständige Strafrichter, Bruno Angerer, wird schon in Kürze einen Prozesstermin anberaumen. Für beide Angeklagte gilt die Unschuldsvermutung. Albert Heiss, Strafverteidiger des selbst verunfallten Duos, behielt sich gestern gegenüber der TT eine Stellungnahme zur nunmehrigen Anklage noch vor. Schon der Unabhängige Verwaltungssenat (nunmehr Landesverwaltungsgericht) stellte zum Unfall bereits fest, dass „unsachgemäße Handhabung“ die Ursache für den radioaktiven Zwischenfall war.

Durch den Vorfall wurden 2013 sowohl der Professor als auch dessen Assistentin selbst verstrahlt. Gleich wie die betroffenen Mitarbeiter in Seibersdorf. Dorthin war der Behälter mit dem radioaktiven „Americium“ zur Firma Nuclear Engineering (NES, ehemals Kernforschungszentrum) zur Entsorgung angeliefert worden. Allerdings wohl auch noch falsch etikettiert. Deshalb dürfte der Behälter mit dem brisanten Material wegen des falschen Etiketts fatalerweise als harmlos eingeschätzt worden sein. Zwei Mitarbeiter in Seibersdorf waren deshalb verstrahlt worden. Doch bereits kurz nach der Verstrahlung stand für die vier Betroffenen fest, dass durch die interne und externe Kontamination lediglich leichte Verletzungen erlitten worden waren. Auch Spätfolgen wurden vom medizinischen Gutachter als unwahrscheinlich eingestuft.

Wie es allerdings den Einbrechern geht, die 2015 wegen einer Bohrmaschine und zwei Lampen als Beute in das verstrahlte und sichtbar gesperrte Gebäude eingedrungen waren, ist unbekannt.


Schlagworte