Doppel-Weltmeister: Stefan Kraft schrieb ÖSV-Geschichte

Nach Gold von der Normalschanze triumphierte der 23-jährige Salzburger auch vom großen Salpausselkä-Bakken. Der 23-Jährige setzt auf eigene Stärke und das Team im Hintergrund.

Der Salzburger kürte sich am Donnerstag mit nur 23 Jahren zum ersten Doppel-Weltmeister des ÖSV in Skisprung-Einzelbewerben.
© APA/ROLAND SCHLAGER

Lahti – Stefan Kraft schwebt in Lahti in höheren Sphären. Der Salzburger kürte sich am Donnerstag mit nur 23 Jahren zum ersten Doppel-Weltmeister des ÖSV in Skisprung-Einzelbewerben. Beim insgesamt 20. Titelgewinn eines Österreichers ließ er den Deutschen Andreas Wellinger (+1,3 Punkte) wie schon auf der Normalschanze und den Polen Piotr Zyla (2,6) hinter sich.

Marcel Hirscher hatte sich mit RTL- und Slalom-Gold in St. Moritz seinen Traum erfüllt, sein engerer Landsmann Stefan Kraft avancierte zum erst fünften Schanzen-Champion mit einem Individual-Doppelpack, dem ersten seit dem Polen Adam Malysz 2003. Und er sorgte dafür, dass der ÖSV bei der Heim-WM 2019 in Seefeld und Innsbruck jeweils fünf Teilnehmer stellen darf. „Wahnsinn, dass ich das verdient habe, ich muss echt saubrav gewesen sein in letzter Zeit“, jubelte Kraft.

Nervenstark und fokussiert

Es war beeindruckend, wie fokussiert er in seinem dritten Bewerb in Lahti war und einmal mehr just im Wettkampf seine besten Sprünge abrief. Der Pongauer bewies starke Nerven, wie schon von der Normalschanze triumphierte er nach Halbzeitführung. Fünf Athleten lagen vor dem Finale innerhalb von 3,0 Punkten, Kraft hatte nur einen halben Meter (0,9 Punkte) Vorsprung auf Normalschanzen-“Vize“ Wellinger.

Das Finale lieferte Spannung pur. Zyla flog mit Tagesbestweite von 131 Meter vom sechsten Rang (127,5) nach vorne, der Reihe nach scheiterten seine Landsleute Dawid Kubacki und Kamil Stoch sowie Andreas Stjernen (NOR) an dieser Vorgabe. Wellinger (127,5/129) setzte sich an die Spitze und Kraft landete neuerlich bei 127,5 Meter. Das wird knapp, deutete er mit den Händen schon im Auslauf an und blickte wie seine Teamkollegen gespannt auf die Anzeigetafel, Zimmerkollege Hayböck faltete sogar die Hände.

TT-ePaper gratis lesen

Die Zeitung ab sofort bis auf Weiteres kostenlos digital abrufen

TT E-PaperTT E-Paper

Als 279,3 Punkte und Rang eins aufleuchtete, war im gesamten Team die Freude groß - nur der Held des Abends schaute noch ungläubig auf die Tafel. Er darf sich als erst vierter Österreicher nach Karl Schnabl (1976), Andreas Felder (1987) und Gregor Schlierenzauer (2011) Großschanzen-Champion nennen.

Bessere Haltungsnoten entschieden

„Wellinger ist megastark gesprungen, es war sehr eng, aber es hat dann alles gepasst“, freute sich der Weitenjäger. „Ich habe mir beim zweiten Sprung nur gedacht, diesen Flug genieße ich. Dann habe ich gemerkt, ich falle genau auf die grüne Linie, und habe auf gute Noten gehofft.“

Kraft waren diesmal zwar nicht die Bestweiten gelungen, bessere Haltungsnoten und höhere Punktezuschläge wegen stärkeren Rückenwinds entschieden aber jeweils zugunsten des vierfachen Saisonsiegers im Weltcup.

Das kam nicht von ungefähr, denn Kraft und seine Kollegen hatten im Sommer eine Schulung bei einem Punkterichter absolviert. „Da habe ich gelernt, den Oberkörper nach der Landung aufrechter zu halten. Das war wichtig“, hatte Kraft schon vor dem Triumph gemeint. Auf der Großschanze war es sogar entscheidend.

Die Konkurrenz wollte zunächst nicht an einen Stil-Vorteil Krafts glauben. „Ich weiß nicht genau, warum Stefan um zwei Punkte bessere Noten bekommt“, meinte der 21-jährige Wellinger. Der Weltmeister mit dem Mixed-Team nahm es aber nicht sonderlich tragisch. „Stefan war zweimal knapp vor mir, das ist egal, wenn man zweimal da oben auf dem Podest steht.“ Auch DSV-Trainer Werner Schuster fiel die Bewertung auf: „Interessant, warum die Kampfrichter Kraft als schöneren Springer empfinden.“

Teamkollegen fielen ab

Heinz Kuttin gab zu, nervöser als beim Normalschanzen-Bewerb gewesen zu sein. „Unglaublich, wie Stefan bei diesen Verhältnissen eine Bombe nach der anderen raushaut. Er hat immer eine passende Antwort parat. Seine Flieger-Qualitäten sind derzeit unglaublich“, lobte der Coach.

Krafts Teamkollegen fielen jedoch etwas ab. Sein Zimmerkollege Michael Hayböck, im Vorjahr Gewinner des WM-Tests, verbesserte sich im Finale (128 m nach zuvor 121,5) immerhin an die elfte Stelle. „Mir taugt es, dass Stefan das heimgebracht hat, er hat gleich danach auch schon an das Teamspringen gedacht“, sagte der Oberösterreicher.

Manuel Fettner (118/122,5) musste sich mit dem 18. Rang begnügen. Über den vierten Platz im Teambewerb am Samstag wurde nach dem Freitag-Training entschieden. Laut Kuttin haben Markus Schiffner, der am Donnerstag bei seinem WM-Debüt 22. (120/113,5) war, Gregor Schlierenzauer und Andreas Kofler die gleichen Chancen. (APA)

Stefan Kraft: Acht Gründe für seine Spitzenklasse

Körper: Mit 56 kg bei 1,70 m Größe verfügt der Pongauer im Skispringen über Idealmaße. Zum geringen Gewicht gesellt sich enorme Sprungkraft. "1,30 oder 1,40 Meter hoch aus dem Stand wird es schon sein", sagte Kraft in Lahti.

Psyche: Nach den jüngsten Erfolgen im Weltcup verfügt Kraft über enormes Selbstvertrauen. Auch ohne Mentaltrainer versteht er es, sich perfekt auf die Bewerbe zu fokussieren.

Persönlichkeit: Trotz der guten Preisgelder - im Weltcup hat Kraft in dieser Saison bisher umgerechnet 124.000 Euro brutto und bei der WM vorerst 59.000 Euro verdient - und der Popularität hebt Kraft nicht ab und ist bescheiden geblieben.

Sprungtechnik: Kraft hat sich im Trainerteam unter Chef Heinz Kuttin vor der WM-Saison nochmals weiterentwickelt. Der Sprungstil des Weitenjägers passt nun bei allen Windbedingungen. Um hohe Noten zu erhalten, gab es im Sommer ein Coaching mit einem Punkterichter. "Da habe ich gelernt, den Oberkörper nach der Landung aufrechter zu halten. Das war wichtig", betonte Kraft.

Elternhaus und Freundin: Betreuer sagen, dass Kraft seinen Ehrgeiz aus dem Elternhaus mitgebracht hat. Vater Rene und Mutter Margot ermöglichten ihrem einzigen Sohn den Sport und den Schulbesuch in Stams. Sie sind so oft als möglich bei Bewerben dabei, die Erfolge in Lahti mussten sie aber aus der Ferne verfolgen. Seit drei Jahren ist der Skispringer mit Marisa liiert, einer angehenden Krankenschwester und Tochter eines Mitglieds des ÖSV-Skitechnikerteams.

Trainer und Betreuer: Im Leistungszentrum Rif bei Hallein sorgen ÖSV-Co-Trainer Alexander Diess (Trainingsplanung) und Stützpunktcoach Harald Diess für Top-Kondition des aktuellen Aushängeschilds. Heinz Kuttin lenkt als Cheftrainer, im Hintergrund arbeiten Matthias Hafele (Sprunganzüge) und das von Stefan Kaiser geleitete Skiserviceteam für perfektes Material. Die Physiotherapeuten Klaus Ullmann und Herbert Leitner sorgen für körperliches Wohlbefinden.

Zimmerkollege: Seit Beginn der Weltcup-Karriere sind Kraft und Michael Hayböck Zimmerkollegen. Die Freunde treiben sich gegenseitig zu Spitzenleistungen und sind nur beim Lieblings-Fußballverein nicht einer Meinung. Kraft drückt Bayern München die Daumen, Hayböck dem FC Barcelona.

Management: Der Tiroler Patrick Murnig betreut Kraft seit sechs Jahren in seiner Agentur Jump and Reach und als "systemischer Coach". Langzeit-Kopfsponsor Krafts (Vertrag bis 2019) ist der Süßwarenhersteller Manner.


Kommentieren


Schlagworte