Selbstporträt als Flugmeile und Provisorium

Mit der Ausstellung „einfach alltäglich“ animiert das aut zu einem näheren Blick auf Form, Funktion und Ästhetik der Gebrauchswelt.

© Wolfgang Mitterer

Von Ivona Jelcic

Innsbruck –Zwischen dem Brauchen und Gebrauchen besteht nicht unbedingt ein kausaler Zusammenhang. Bekanntlich wird mitunter die Gewohnheit des täglichen Gebrauchs zur vermeintlichen Notwendigkeit. Und führt umgekehrt das gefühlte Brauchen zum täglichen Gebrauch. Das betrifft zum Beispiel ein koffein­haltiges Heißgetränk, dessen Herstellungsvorrichtungen in den Ausstellungsräumen des ehemaligen Adambräu-Gebäudes mehrfach und in unterschiedlicher Ausführung zu sehen sind. Bei der Gelegenheit lassen sich auch gleich Missverständnisse ausräumen: Das, was aus der achteckigen, von Alfonso Bialetti entworfenen Aluminium-Kanne herauskommt, ist caffè, deshalb aber noch lange kein Espresso.

Man darf es ruhig ganz genau nehmen in diesem Hochamt der Dingwelt, in dem sich auch eine Reihe von Maßbändern und Wasserwaagen wiederfindet. Sie kamen zusammen, nachdem das aut. Architektur und Tirol bei mehr als 200 mit der Institution auf verschiedenste Weise verbundenen Personen mit der Einladung anklopfte, einen Gebrauchsgegenstand aus dem eigenen unmittelbaren Alltag samt Erklär- oder Begleittext für eine Ausstellung beizusteuern. „einfach alltäglich“ heißt das mit 154 Objekten bestückte Ergebnis, das man auch als Anregung dazu verstehen könnte, die eigenen Alltagsbegleiter, ihre Form, Funktion, Ästhetik, vielleicht auch Skurrilität, einmal einer näheren Betrachtung zu unterziehen.

Zunächst ist natürlich interessant, womit sich die hier versammelten Architekten, Designer, Künstler, Theoretiker, Grafiker und anderen Kreativen in die Auslage stellen – und so gewissermaßen auch selbst porträtieren (was manchen merklich mehr, anderen weniger bewusst zu sein schien). Es treten persönliche Vorlieben für Designgeschichte(n) zutage, behauptet sich das Krankenkassenmodell „pomberger f3“ gegen die Le-Corbusier-Brille, werden Erinnerungen mitgeliefert, Arbeitsgeräte und -gewohnheiten preisgegeben, gestalterische Entdeckungen präsentiert – etwa eine klammerlose bzw. nur mit dem Papier klammernde Heftklammermaschine aus Japan.

Eine alte Singer-Nähmaschine erzählt auch die Geschichte einer Flucht, eine Duschgel-Marke, deren surrealem Werbeversprechen sein Benutzer schon seit 30 Jahren erlegen ist, kommt neben der goldenen Flugmeilen-Karte von Architektenkammer-Präsident Georg Pendl zu liegen. Nur als Fotografie (weil das Original in berufsbedingter Verwendung) sind die Orgelschuhe von Organist Wolfgang Mitterer zu sehen, „Sohle 2x erneuert und weicher denn je. Im Winter kalt, täglich Brot.“ Lois Weinbergers „perfektes Provisorium“ wiederum ist ein Kleiderbügel seines Großvaters von 1930. Friedrich Achleitner ist merklich angetan von der perfekten Konstruktion seines Fußschemels. Und wie die Armbanduhr von Stefan Sagmeisters Vater über einen Wiener Szenefriseur wieder zum Sohn zurückkehrte, ist eine Geschichte für sich.

„einfach alltäglich“ zeigt, wie viel Gestaltetes uns mit bescheidener Selbstverständlichkeit Tag für Tag umgibt, und ist die Fortsetzung einer losen aut-Ausstellungsreihe zur Phänomenologie des Alltags, die 1999 mit dem Projekt „Haus Enzian“ begonnen hat. Damals auch ein Überlebensprojekt: Mittels finaler Versteigerung der Objekte kam ein wichtiger finanzieller Baustein für die Übersiedlung ins Adambräu zustande.


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