300. Geburtstag

Maria Theresia: “Eine gewisse Männlichkeit der Seele“

Carl von Blaas malte die erste Verleihung des Militär-Maria-Theresia-Ordens durch Kaiser Franz I. Stephan 1758 (Ausschnitt).
© Belvedere

Die französische Philosophin und Historikerin Élisabeth Badinter nähert sich Maria Theresia aus feministischer Sicht.

Von Ivona Jelcic

Innsbruck –Sie ist politisch unerfahren. Ihr Gemahl Franz Stephan von Lothringen ist durchwegs unbeliebt. Aber zuallererst: Sie ist eine Frau. Und damit als Herrscherin, so der venezianische Botschafter Alessandro Zeno in einem Brief vom 20. Oktober 1740, „unvereinbar mit der Würde des Reiches“.

Maria Theresia, erst 23, besteigt den Thron, legitimiert durch die von ihrem Vater Karl VI. erlassene „Pragmatische Sanktion“, 1740 bekanntlich trotz dieser „Handicaps“. Dessen Überwindung wiederum die feministische Historikerin und Philosophin Élisabeth Badinter interessieren. Sie hat die Flut an Neuerscheinungen und Neuauflagen zum 300. Geburtstag Maria Theresias um ein Herrscherinnen-Porträt bereichert, das auf die Mechanismen und Strategien weiblicher Macht fokussiert. Die Habsburger-Monarchin ist dafür ein anschauliches Beispiel, in dem sich heute noch gewisse Aktualitäten ausmachen lassen. Badinter macht die Verschränkung von Privatem und Öffentlichem als „das wesentliche Merkmal des Lebens und des Regierungsstils Maria Theresias“ aus. Mit dem Zusatz: „Vielleicht ist es sogar das Spezifikum jeder weiblichen Macht.“

Die weibliche Privatheit, die in der „obsessiven Fixierung auf den Stammhalter“ schonungslos an die Öffentlichkeit gezerrt wird, ist freilich von ganz anderem Kaliber: „Unfruchtbarkeit“ wird auch jenen attestiert, die „nur“ Töchter zur Welt bringen, der „Ausfluss“ von Maria Theresias Mutter Elisabeth Christine wird ebenso öffentlich diskutiert, wie man, sollte sie nicht endlich gebären, schon über ihr Sterben „an einer schleppenden Krankheit, von der niemand bemerken wird, dass sie nicht natürlichen Ursprungs ist“ spekuliert. Und Maria Theresia wird Anfang 1742, mitten im österreichischen Erbfolgekrieg, als „entblößte Königin“ dargestellt, deren nackte Brüste und Schenkel von Männern betatscht werden, die gierig sind, die habsburgischen Erblande untereinander aufzuteilen. Die dazu in Umlauf befindlichen Verse, so Badinter, seien nichts weniger als „die Aufforderung an eine Frau, sich vergewaltigen zu lassen“.

Wie gelingt es Maria Theresia dennoch vierzig Jahre lang zu regieren? Und darüber hinaus 16 Kinder zu gebären? Sie ist eine machtbewusste Strategin, umgibt sich – auch im Bewusstsein eigener Unzulänglichkeiten – mit ausgewählten Beratern. Und setzt nicht zuletzt auch weibliche Waffen ein, was sich bald in den Berichten ausländischer Gesandter niederschlägt: Neben Schönheit attestiert man ihr da „Erhabenheit des Geistes, gepaart mit einer gewissen Männlichkeit der Seele, die sie auf bewundernswerte Weise befähigt, Staatsgeschäfte zu führen“. Auf die Begehrlichkeiten ihrer Feinde macht das am Ende natürlich nicht viel Eindruck, Preußenkönig Friedrich II. marschiert in Schlesien ein – und Maria Theresia sieht sich von ihren Verbündeten verlassen. Sie präsentiert sich daraufhin bei ihrer Krönung zum „König“ (wohlgemerkt nicht zur „Königin“) Ungarns als kriegerische Frau mit Schwert, vor dem ungarischen Adel wenig später als verzweifelte Mutter ihrer Völker. Kurz: Sie wechselt gekonnt „zwischen Weiblichkeit und Virilität“, je nachdem, was die Umstände verlangen.

Die Rolle als Frau an der Spitze des Habsburgerreiches hat die konservative Grundhaltung Maria Theresias im Übrigen nicht nennenswert aufgeweicht. Wobei sie bei der Ausstattung des Riesensaales der Hofburg Innsbruck durchaus einen „neuen Akzent im Verhältnis zwischen den Geschlechtern“ setzte, wie schon Benedikt Sauer in der Publikation zur Hofburg (Folio Verlag, 2010) festhielt. Die Porträts von Maria Theresias Kindern sind da – Töchter neben Söhnen – gleichrangig platziert.

Beiseitegelassen wird von Badinter erstaunlicherweise Maria Theresias Heiratspolitik, mit der sie ihre Kinder oftmals ins Unglück schickt. Wobei ihr die eigene Liebe zu Franz Stephan über vielem steht. Im Bestreben, ihm zu Ansehen zu verhelfen, vergisst sie aber auch die eigene Reputation nicht. Als er doch noch zum römisch-deutschen Kaiser gekrönt wird, lässt sich Maria Theresia nicht zur „bloßen Gemahlin“ degradieren: Sie bleibt der Krönung so fern es geht. Es gibt nicht zuletzt auch noch den Konflikt zwischen absolutistischer Herrscherin und Mutter: In den schwierigen Jahren der Mitregentschaft ihres Sohnes Joseph II. behält am Ende Erstere die Oberhand.

Biografie Élisabeth Badinter: Maria Theresia. Die Macht der Frau. Aus dem Französischen von Horst Brühmann und Petra Willim, Zsolnay Verlag, 304 Seiten, 24,70 Euro.