Flüchtlinge - Zum Warten auf Lesbos verurteilt

Lesbos (APA/AFP) - Neben dem Hafen von Molivos liegen ein zerfetztes Schlauchboot und einige orangefarbene Rettungswesten auf den Felsen. So...

Lesbos (APA/AFP) - Neben dem Hafen von Molivos liegen ein zerfetztes Schlauchboot und einige orangefarbene Rettungswesten auf den Felsen. Sonst aber ist in dem Fischerort im Norden der griechischen Insel Lesbos nichts mehr von den Flüchtlingen zu sehen. Die Kiesstrände östlich des Dorfs waren früher ein bevorzugter Anlaufpunkt für Schmuggler, da die türkische Küste von hier nur zehn Kilometer entfernt ist.

Zum Höhepunkt der Flüchtlingskrise kamen täglich 5.000 Flüchtlinge auf Lesbos an, doch heute sind es oft nicht einmal mehr einige Dutzend pro Woche. Der umstrittene Flüchtlingsdeal mit der Türkei hat fraglos dazu geführt, dass deutlich weniger Flüchtlinge auf den griechischen Ägäis-Inseln landen. Doch er hat auch zur Folge, dass tausende Migranten dort seitdem festsitzen. Auf Lesbos leben die meisten im zentralen Aufnahmelager in Moria.

Das Lager ist idyllisch zwischen Olivenhainen gelegen, doch mit seinen hohen Zäunen, dem Stacheldraht, den Wachhäusern und den strengen Kontrollen am Eingang wirkt es mehr wie eine Strafkolonie als wie ein Zufluchtsort für Flüchtlinge.

„Es ist wie ein Gefängnis, ich kann hier nicht atmen“, sagt Abdulaziz, der schon seit acht Monaten in Moria festsitzt. Eigentlich wollte der großgewachsene Somalier wie so viele andere nach Deutschland, doch auf Lesbos war die Reise für ihn vorbei. Zuerst schlief er in der Moschee des Lagers, nun lebt er in einem großen Zelt, wo in Doppelstockbetten dutzende zumeist afrikanische Männer schlafen - wenn denn mal Ruhe herrscht. „Ständig schreit einer, immer gibt es Streit, ich habe Kopfschmerzen, doch wo soll ich hin?“, sagt Abdulaziz.

Wie viele Flüchtlinge leidet der Somalier unter der Ungewissheit. Wird sein Asylgesuch in Griechenland angenommen, darf er weiter aufs Festland reisen. Wird es abgelehnt, droht ihm die Abschiebung in die Türkei. Solange es keine Entscheidung gibt, sitzt er in Moria fest.

Eine Weiterreise nach Deutschland, wo sein Bruder lebt, ist in jedem Fall nicht vorgesehen. So findet sich Abdulaziz in der schwierigen Lage, Asyl in einem Land beantragen zu müssen, in dem er gar nicht bleiben will, und das mit seinen eigenen Krisen mehr als genug zu tun hat.

„Viele der Flüchtlinge fühlen sich den Asylbehörden hilflos ausgeliefert“, sagt Philip Worthington, Koordinator des Projekts European Laywers in Lesvos, das in Moria kostenlose Erstberatung für Flüchtlinge anbietet. Mehr als 860 Flüchtlinge haben die Anwälte, die als Freiwillige aus ganz Europa kommen, bereits beraten.

Viele verstünden gar nicht, worauf es ankommt beim Asylverfahren, sagt Worthington. Manche glaubten, sie würden Aufnahme erhalten, wenn sie ihre berufliche Qualifikation nachweisen. Da sei die Erstberatung oft entscheidend.

So langwierig und quälend die Verfahren für die Flüchtlinge auch sind, so läuft vieles im Vergleich zu den chaotischen Jahren 2015 und 2016, als ständig tausende Flüchtlinge über die Insel zogen und die Behörden sie unregistriert auf die Fähren nach Athen schickten, geordneter ab.

Auch die Kooperation unter den Hilfsorganisationen klappt besser. Die Aufgaben sind klarer verteilt, viele Einrichtungen haben sich auf die Bedürfnisse der Flüchtlinge eingestellt, die über Monate auf der Insel leben müssen.

Auch in Mytilini haben sich die Einwohner an die Afghanen, Kongolesen und Somalier gewöhnt, die bei Sonne am Hafen herumhängen. Die Hoteliers profitieren von den hunderten Mitarbeitern der Hilfsorganisationen. Doch dafür fehlen die Touristen und es scheint, dass sie auch diesen Sommer nicht zurückkehren werden. So bleibt die Lage auf Lesbos prekär und angesichts der politischen Spannungen zwischen der Türkei und Europa ist auch nicht auszuschließen, dass die Zahl der Flüchtlinge bald wieder steigt.