Literatur

Die Höhle des Tigers betreten

Anna Kim wurde in Südkorea geboren. Seit 1984 lebt sie in Wien.
© Murauer

Anna Kim glaubt an die Individualität von Geschichte. Ihr neuer Roman erzählt von der Teilung Koreas, von Flucht und Verrat. Das ist oft spannender als ein Thriller.

Von Alexandra Plank

Innsbruck –Machen wir die Probe aufs Exempel: Was fällt Ihnen spontan zu Korea ein? Sicher, dass das Land geteilt ist und der Norden von einem verhaltens- originellen Diktator in Geiselhaft genommen wird. Mit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten kursierten Karikaturen von Kim Jong-un, der sich damit brüstet, nicht mehr der verrückteste Herrscher der Welt zu sein. Indes verbreitet sich ein Video, in dem ein Mädchen aus Nordkorea beklagt, was es heißt, in einer Diktatur zu leben, viral.

Machen wir den gleichen Versuch mit Südkorea. Ein Journalist hielt fest, dass den meisten Europäern zum Süden Koreas noch nicht einmal Klischees einfallen würden. Ein Bild steigt aber sofort im Betrachter hoch: das adretter Kinder in Schuluniformen, die in Reih und Glied stehen. Laut PISA-Test gehört das südkoreanische Bildungssystem zu den besten der Welt – Drill inkludiert. Generell besteht in westlichen Demokratien die Tendenz, die beiden Koreas schlicht in böse – der Norden – und eher gut – der Süden – einzuteilen.

Die südkoreanische Schriftstellerin Anna Kim entführt den Leser in ihrem neuen Roman „Die große Heimkehr“ in die wechselvolle Geschichte des Landes. Sie zeigt auf, wie es zur Teilung kam und repressive Systeme in Korea über lange Phasen dominierend waren. Korea wurde zum Spielball der Großmächte und zum Schauplatz für Stellvertretergefechte im Zuge des Kalten Krieges. Auch eine Österreicherin hat in Südkorea ihre Spuren hinterlassen: Der spätere Staatsmann Rhee Syng-man heiratete 1934 in zweiter Ehe in New York die aus Wien stammende Franziska Donner und lebte danach in Washington, D.C. als „Repräsentant der koreanischen Exilregierung“. Nach der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg und der dadurch folgenden Unabhängigkeit Koreas vom Japanischen Kaiserreich wurde Rhee am 20. Juli 1948 zum ersten Präsidenten der Republik Korea (Südkorea) gewählt, wobei die Opposition die Wahlen boykottierte.

Rhee etablierte im Süden eine Gewaltherrschaft. Kim erzählt nicht nur von der Teilung Koreas, sie wählt auch den individuellen Blick auf die Geschichte. Es ist ein Dreiergespann, Johnny Kim, seine Geliebte Eve Moon und sein bester Freund Yunho Kang, die in den Kriegswirren ins Visier der berüchtigten Nord-West-Jugend, einer antikommunistischen, paramilitärischen Schlägertruppe im Dienst der Regierung Südkoreas, geraten.

Die Flucht nach Japan ist die einzige Überlebenschance, doch dort können sie sich nicht verwurzeln. Vielleicht, weil eine schlechte Heimat (Korea) doch noch besser ist, als heimatlos zu sein. Kim bringt es mit folgenden Worten auf den Punkt: „Nur wenn ich weiß, woher ich komme, weiß ich, wohin ich gehe. Auch Exilanten haben eine Vergangenheit, das Zukünftige ist für sie jedoch unerreichbar, ebenso unerreichbar wie die Heimat, die sie verlassen mussten.“

Die Verlorenheit wird noch vakanter, als die Exil-Koreaner zur großen Heimkehr aufgerufen werden. Im Zuge der organisierten Rückführung verschwindet ein junges Mädchen und Johnny gerät unter Verdacht. Doch auch die Beziehung der drei Protagonisten rutscht gehörig in Schieflage. Wer ist die Koreanerin, die den Namen Eve Moon trägt, wirklich, benutzt sie die Freunde, oder ist sie gar ihre Beschützerin?

Yunho weiß nur eines, dass er nie wieder eine Frau so lieben konnte wie Eve, wobei er ihr niemals seine Gefühle gestand: „Das Wort Liebe hatte ich nicht benutzt, obwohl ich niemanden mit solcher Verzweiflung geliebt habe wie sie. Mit solchem Trotz.“ Als alter Mann erzählt er einer jungen Studentin, die auf der Suche nach ihren koreanischen Wurzeln ist, seine Lebensgeschichte. Aus Richmond, Virginia, hat ihn ein Brief erreicht mit ein paar Zeilen, dass seine Freundin Eve Moon gestorben sei. Es ist ein fernes Echo, aber der Brief ist auch das finale Dokument einer Liebe, die sich unter widrigsten Umständen zu behaupten versuchte. Die große Stärke von Anna Kim ist, komplexe Sachverhalte sehr spannend aufzubereiten und auf die menschliche Ebene herunterzubrechen. Korea ist weit weg, doch das Dreiergespann rückt dem Leser auf die Pelle und nimmt ihn emotional gefangen. Große Emotionen ohne jeglichen kitschigen Ballast zu erzeugen, ist der in Wien wohnhaften Autorin auch schon mit dem Buch „Die gefroren­e Zeit“ gelungen, das 2010 im Rahmen von „Innsbruck liest“ verteilt wurde. Es handelt von der Aufarbeitung der Massaker während des Jugoslawien-Krieges und der Suche Hinterbliebener nach Wahrheit und Versöhnung mit dem Schicksal.

Durch Kims Erzählungen findet man nicht nur Einlass in ein Land, auch die Mentalität ist einem nicht mehr gänzlich fremd. Die Autorin macht oft durch koreanische Redewendungen klar, wie diese Menschen ticken. So zitiert Eve das Sprichwort: „Du kannst das Tigerjunge nur fangen, wenn du die Höhle betrittst.“ In diesem Fall lässt sie durchblicken, dass es an der Zeit wäre, nach Korea zurückzukehren. Beim Lesen des Romans empfiehlt es sich, große Stücke und keine Häppchen zu sich zu nehmen. Sonst könnte der große erzählerische Bogen überspannen – und reißen.

Roman Anna Kim: Die große Heimkehr. Suhrkamp Verlag, 554 Seiten, 24,70 Euro.