Neue Bücher: Blom seziert die Utopien der Aufklärung
Wien (APA) - Philip Blom sieht uns „Gefangen im Panoptikum“...
Wien (APA) - Philip Blom sieht uns „Gefangen im Panoptikum“
Gegenwartshistoriker Philip Blom gibt sich hochproduktiv und hat nicht nur ein neues Buch über das 17. Jahrhundert geschrieben, sondern auch „Reisenotizen zwischen Aufklärung und Gegenwart“. Die kleine Abhandlung mit dem Titel „Gefangen im Panoptikum“ ist eine messerscharfe und dabei durchaus bissige Herleitung heutiger gesellschaftlicher Phänomene aus den Debatten der Aufklärung.
Auf den Spuren architektonischer Ideale zerlegt Blom die Utopien der Ratio und spannt einen Bogen von protestantischer Arbeitsethik über den Markt (den „kapriziösen Gott“), bis zur selbst auferlegten Gefangenschaft in Social Media. Seine Befunde fallen dabei mitunter durchaus bitter aus: „Die Aufklärung hat die Massen von der Willkürherrschaft des Adels und dem Aberglauben der Kirche befreit und ihnen erlaubt, sich zu bilden, ihre Freiheit zu ergreifen, sich von Kultur und Solidarität beflügeln zu lassen und gemeinsam zu neuen Ufern aufzubrechen. Die Massen haben ihre Befreiung dankend zur Kenntnis genommen, ziehen es aber vor, zu Hause vor dem Fernseher zu bleiben.“ (Philip Blom: „Gefangen im Panoptikum“, Residenz Verlag, 96 Seiten, 18 Euro. ISBN: 978-3-7017-3418-4)
Konrad Heidens frühe Hitler-Biografie wieder verfügbar
„In den Tagen des Bangens um Europa werden diese Zeilen geschrieben. Die Zeit hat ein furchtbares Tempo angenommen, und die Schrecken von gestern weichen schon der rasch wachsenden Angst vor dem Morgen.“ Was einem Kommentar zum Zeitgeschehen entnommen sein könnte, stammt tatsächlich einem Text aus dem Jahr 1936. Da legte der jüdische Publizist Konrad Heiden die erste und lange Zeit einflussreichste Biografie von Adolf Hitler vor. Denn noch vor dem Weltkrieg und der Katastrophe des Holocaust warnt dieses mehr als 1000-seitige Porträt des ambitionierten Reichskanzlers eindringlich vor der zerstörerischen Kraft der nationalsozialistischen Bewegung, vor der Dynamik des Autoritären und seiner scheinbaren Legitimierung durch die Massen und sammelte eine Fülle genauer Beobachtungen aus nächster Nähe. Die Veröffentlichung war dem jüdischen Publizisten freilich nur aus dem Exil möglich. (Konrad Heiden: „Adolf Hitler“, Europa Verlag, 1007 Seiten, 35,90 Euro. ISBN 978-3-95890-117-9)
Unerlässliche Zeugeschaft - Primo Levi: „So war Auschwitz“
Er zählt zu den wichtigsten Stimmen, die das Leben und Sterben im KZ literarisch dokumentiert haben. Auch neben seinem Hauptwerk „Ist das ein Mensch?“ legte Primo Levi zahlreiche Texte der Zeugenschaft vor, mit wissenschaftlicher Akribie und Skepsis, mit großer Sprachkraft und mit hohem persönlichen Einsatz. „So war Auschwitz“ versammelt nun verschiedene Zeugnisse aus 1945 bis 1986. Von der Aussage im Eichmann-Prozess bis zur Antwort auf den Leserbrief einer jungen „Tochter eines Faschisten“, die unter dem Eindruck einer KZ-Ausstellung mit ihrer Herkunft hadert. „Die Ausstellung war nicht an die Väter gerichtet, sondern an die Kinder und Kindeskinder, um zu zeigen, welche Reserven von Grausamkeit auf dem Grund der menschlichen Seele liegen und welche Gefahren unsere Zivilisation bedrohen, heute wie gestern“. (Primo Levi: „So war Auschwitz“, Hanser Verlag, 303 Seiten, 24,70 Euro, ISBN: 978-3-446-25449-7)
Sandor Lenard: Überleben „Am Ende der der Via Condotti“
Die Biografie des Sandor Lenard war nicht arm an überraschenden Wendungen. In Budapest geboren, wuchs er in Österreich auf, studierte in Wien Medizin und floh 1938 vor den Nazis nach Rom. Später wanderte er nach Brasilien aus, schaffte es mit der lateinischen Übersetzung von „Winnie the Pooh“ auf die Bestsellerlisten und wurde von einem Nazi-Jäger verfolgt, der ihn mit dem KZ-Arzt Josef Mengele verwechselte. Seine Aufzeichnungen aus der Zeit in Rom, wo er den Krieg überstand und beobachtete, wie das stolze Italien von der Diktatur ergriffen wurde, sind nun bei dtv erschienen. „Am Ende der Via Condotti“ zeugt von unerschütterlicher Lebensfreude und Menschenkenntnis sowie von feiner Ironie, die nie sarkastisch wird, und ist nur ganz nebenbei ein zeitgeschichtliches Dokument. (Sandor Lenard: „Am Ende der Via Condotti“, dtv, 351 Seiten, 22,70 Euro, ISBN: 978-3-423-28112-6)
Florian Traussnig dokumentiert den „Geistigen Widerstand von Außen“
Nachdem er im Vorjahr den „Militärischen Widerstand von Außen“ untersucht und in Buchform dargestellt hat, legt der Historiker Florian Traussnig nun einen weiteren Band der Aufarbeitung österreichischer Widerstandsgeschichte vor. „Geistiger Widerstand von Außen“ zeigt in Fallstudien und propagandawissenschaftlichen Analysen zur „psychologischen Kriegsführung“, wie hunderte Exilösterreicher während des zweiten Weltkriegs auf der Seite der USA „am Krieg der Worte, Bilder und Klänge“ mitwirkten. (Florian Traussnig: „Geistiger Widerstand von Außen“, Böhlau Verlag, 360 Seiten, 41,20 Euro. ISBN: 978-3-205-20382-7)