Sündenfall im Distel-Paradies
Eine reizvolle Geschichte verpufft auf der Bühne: blasse Uraufführung von Felix Mitterers Aussteigerdrama „Galápagos“ an der Josefstadt.
Von Bernadette Lietzow
Wien –Die Bühnen-Insel Floreana ist ein von papierenem Guano bedecktes tristes Eiland. Den Blumengarten, den die an Multipler Sklerose erkrankte Aussteigerin Dore Strauch angelegt hat, zertrampelt ihr narzisstischer Guru, der Arzt Friedrich Ritter, lange bevor die Dürre das Aussteigerparadies verheert. Eva Mayer und Raphael von Bargen, perfekte Doppelgänger ihrer historischen Vorbilder, verkörpern in der Josefstadt das sich zerfleischende (Alb-)Traumpaar.
Ergeben leidend und zunehmend zynisch stellt Mayer ihre Bühnenfigur vor, eine große Liebende und gequälte Beleidigte, der man, obwohl Mutmaßung, zutraut, ihren Gefährten mit vergiftetem Huhn ins Jenseits befördert zu haben. Von Bargen gibt einen unerträglich „bösen Friedrich“, ein diktatorisches Scheusal, das auf der Insel ein geniales philosophisches Werk verfassen möchte, seine (negativen) Energien aber dann doch eher gegen Dore und unartige Wildschweine richtet. Würdige Zentralgestalten, ebenso wie das von Pauline Knof und Peter Scholz verkörperte deutsche Spießerpaar Wittmer, deren Geschichte jedoch recht bald auserzählt ist.
Rund macht die so genannte „Galápagos-Affäre“, diese weltweit medial ausgeschlachtete Mords-Geschichte im Robinson-Kostüm, die wilde Baroness Eloise Wagner de Bousquet, die den genügsamen Insulanern mit forderndem Glamour in die Quere kommt. Ruth Brauer-Kvam stattet diese selbsternannte Insel-Kaiserin mit einiger Verve aus und fegt, mit Pistole und Peitsche bewaffnet, über die Rampe. Im Schlepptau zwei männliche Marionetten, „Bubi“, von Roman Schmelzer als etwas dümmlicher Quasi-Pirat gezeichnet, und der tuberkulöse „Rudi“, der vom Sexpartner zum Sklaven degradiert wird. Mathias Franz Stein ist dieser Unglückliche, zuerst loser Chorknabe mit kanariengelbem Haupthaar, dann misshandeltes Opfer in Feinripp-Unterwäsche.
Felix Mitterer bettet die ungeheuerliche Story in eine Rahmenhandlung ein, in der die zwei deutschen Insel-Paare einem Kriminalbeamten (Ljubiša Lupo Grujcic) die Geschehnisse rund um das Verschwinden von Baronin und Bubi schildern. Der Polizist ist gekommen, um den Tod Rudis, der auf einer Nebeninsel verdurstet ist, aufzuklären und kann nur staunen, welche Abgründe sich vor ihm auftun – was Grujcic mit angestrengtem Feixen quittiert.
Regisseurin Stephanie Mohr, die Mitterers Zeitgeschichte-Dramen „Jägerstätter“ und „Der Boxer“ eindrucksvoll umgesetzt hat, tut sich mit der nunmehrigen „Galápagos“-Herausforderung sichtlich schwer. Die Entscheidung, Mitterers durchaus mit hinterlistigem Humor ausgestattetes Stück als Doku-Drama oder Travestie zu interpretieren, fällt zugunsten eines eigentümlichen Zwitters aus, der die Schauspieler deutlich verunsichert. Miriam Buschs Bühne trägt ihr Übriges zur Verwirrung bei: Vom Bühnenhimmel aus entfalten sich schwer kitschige Bilderplanen, vor denen Dore und ihr Friedrich in paradiesischer Nacktheit in den Sonnenuntergang schauen dürfen oder ein treudeutsches Giebelhäuschen mit Würstel-Ufos die robuste Schweinsbraten-Seligkeit der Wittmers abbildet. Unscharf ist die mimische und gestische Hysterie, die plötzlich ausbricht, wenn in zwei Varianten der Todeskampf Friedrich Ritters berichtet wird. Da wundert sich auch die Pappschildkröte, die am Schluss die Bühne entert, und verabschiedet ein angestrengtes Publikum.