Vintage-Oper: Rückschau-Festival mit Second-Hand-Arbeiten in Lyon
Lyon/Wien/Linz (APA) - Eigentlich ist das Kennzeichen von Theater sein transitorischer Charakter, sein Verschwinden im Augenblick des Entste...
Lyon/Wien/Linz (APA) - Eigentlich ist das Kennzeichen von Theater sein transitorischer Charakter, sein Verschwinden im Augenblick des Entstehens. Der Kampf dagegen liegt allerdings im Zeitgeist. Im April werden die Salzburger Osterfestspiele mit ihrer „Walküre“-Rekonstruktion aus 1967 eröffnen, und im französischen Lyon hat Intendant Serge Dorny ein ganzes „Festival Memoires“ angesetzt, an dem auch Linz partizipiert.
Drei legendäre Inszenierungen mittlerweile verstorbener Regisseure hat der Belgier Dorny für seine Retrofestspiele versammelt, wobei Heiner Müllers Bayreuth-Arbeit „Tristan und Isolde“ aus 1993, die am Samstagabend umjubelte Premiere feierte, den Höhepunkt darstellt. Bei der einzigen Opernregie des Literaten hatte einst Stephan Suschke als enger Mitarbeiter gedient. Nun zeichnete er auch für die Neueinrichtung verantwortlich.
Hauptberuflich ist der 1958 geborene Deutsche seit der laufenden Saison jedoch der neue Schauspielchef in Linz - und stellt somit einen weiteren Konnex zwischen Lyon und der oberösterreichischen Hauptstadt dar, wo man am 3. Februar 2018 die Produktion von Hector Berlioz‘ „La Damnation de Faust“ aus der französischen Partnermetropole zeigen wird. Die „Tristan“-Rekonstruktion folgt dann am 15. September 2018 unter dem Dirigat von Markus Poschner. Bei der Koproduktion trägt Linz rund ein Drittel der Kosten.
Dafür bekommt man eine dann 25 Jahre alte Regiearbeit, für die der Dramatiker Müller eine kongeniale Partnerschaft mit dem legendären Bühnenbildner Erich Wonder und dem Modedesigner Yohji Yamamoto einging. In den grotesk überzeichneten Kostümen Yamamotos bewegen sich die Figuren durch ein klares Farbkonzept, in dem der erste Aufzug streng in Orange, der zweite in Blau und der dritte in Grau gehalten ist.
In ihrer Statik erinnert die Interpretation immer wieder an Robert Wilson und fokussiert im Kern auf zwei Menschen, die schlicht nicht zueinanderfinden. Ungeachtet des Vierteljahrhunderts zwischen Premiere und Wiederbelebung wirkt diese Arbeit jungfräulich wie am ersten Abend und zeigt in ihrem zeitlosen Ansatz, wie viel heutige Regisseure der ersten Regietheatergeneration verdanken, die sich von der bloßen Umsetzung der Librettoanweisungen emanzipierte.
In dieser Tradition steht auch das zweite große Werk innerhalb des noch bis zum 6. April laufenden „Festival Memoires“, Ruth Berghaus‘ Dresdner Deutung der „Elektra“, deren Reproduktion bereits am Freitag in der von Jean Nouvelle gestalteten Lyoner Oper bejubelt wurde. Auch in der aus 1986 datierenden Inszenierung der einstigen Vorzeigeregisseurin ließe sich das Entstehungsjahr ohne Kontextwissen nur schwerlich ausmachen. Berghaus siedelte aus Platzgründen das Orchester auf der Bühne an, während die Sänger auf dem alten Sprungturm eines Schwimmbades über diesem orchestralen Wasser agieren - ein Konzept der Exkludierung, das zugleich ein Kompendium verschiedener Spielorte zulässt und darin nicht gealtert ist.
Den eigentlichen Auftakt zum Festival markierte allerdings am Donnerstag Klaus Michael Grübers „L‘incoronazione di Poppea“ - 1999 in Aix-en-Provence uraufgeführt und damit die jüngste der gezeigten Arbeiten. Der jüngste Teil der Lyoner Trilogie war dabei interessanterweise auch der schwächste. Die frühbarocke Oper Monteverdis wurde dabei aus logistischen Gründen nicht in der eigentlichen Oper, sondern im Vorort Villeurbanne gelegenen Theatre National Populaire gezeigt. Zwar schaffte auch Grüber einige stimmige Bilder für das antike Liebes- und Verratsgeschehen, zugleich krankt seine Deutung etwas an der fehlenden Balance zwischen minimalistischen Bildern - der Stärke der beiden anderen Arbeiten - und dem Versuch, Ironie beizumengen.
In Summe gelingt Intendant Serge Dorny mit seinem Retrofestival jedoch Zukunftsmusik und der Beweis, dass es sich bei diesem kurzen Innehalten im Nach-vorne-Stürmen nicht um platten Abklatsch der Vergangenheit, sondern um lohnendes Reflektieren handelt. Ein neuerliches Vintage-Festival werde es in der kommenden Saison dennoch nicht geben, versichert Dorny gegenüber der APA.
Stattdessen ist das nächste Festival 2018 Verdi gewidmet, wobei man sich mit „Macbeth“, „Don Carlo“ und „Attila“ eher auf dessen seltener gespielten Werke konzentriert. Ansonsten plant Dorny, der mit seiner Oper im Vorjahr über einen Jahresetat von 37,49 Mio. Euro bei einem Eigendeckungsgrad von 20 Prozent verfügte, eine Saisoneröffnung 2017/18 mit der szenischen Umsetzung von Brittens „War Requiem“ am 9. Oktober, wie er Samstag bei der Jahrespressekonferenz ankündigte. Zu den spannenden weiteren Projekten zählt dann etwa am 20. Jänner als französische Erstaufführung Alexander von Zemlinskys „Der Kreidekreis“ - mit Volksopern-Liebling Martin Winkler in einer der Hauptrollen.
(S E R V I C E - www.opera-lyon.com)