“Der junge Karl Marx“

Eine Männerfreundschaft in durchzechten Nächten

© Filmladen/Frederic Batier

Der haitianische Regisseur Raoul Peck erzählt in „Der junge Karl Marx“ von den Anfängen der Arbeiterbewegung in einem Debattierclub.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Von Sergej M. Eisensteins Vorhaben, „Das Kapital“ von Karl Marx zu verfilmen, sind nur einige Notizen aus dem Jahr 1928 erhalten. Die monumentale Arbeit zur „Kritik der politischen Ökonomie“ sollte nach dem dramaturgischen Vorbild von James Joyce’ „Ulysses“ an einem einzigen Tag erzählt werden und „auf emotionale Akkumulation“ setzen, da „intellektuelle Attraktion Emotionalität nicht ausschließt“.

Dieser Methode folgt der haitianische Regisseur Raoul Peck in seinen Film „Der junge Karl Marx“ nur im Prolog. Zerlumpte Kinder, Frauen mit ausgezehrten Gesichtern sammeln in einem Wald Holzreste. Dumpfes Hufgetrampel ist zu hören, die „Diebe“ werfen das Klaubholz von sich, um schneller laufen zu können. Polizisten zücken auf ihren Pferden die Säbel, Knochen brechen, Schädel schlagen gegen Baumstämme. Die brutale Intervention gegen Arme, die in ihren Hütten nicht frieren wollen, zugunsten der Waldbesitzer kommentiert eine Stimme aus dem Off: „Das Volk sieht die Strafe, aber es sieht nicht das Verbrechen, und weil es die Strafe sieht, wo kein Verbrechen ist, wird es schon darum kein Verbrechen sehen, wo die Strafe ist.“ Die Stimme gehört dem Philosophen Karl Marx (August Diehl), der sich 1842 in fünf Beiträgen für die Rheinische Zeitung zum „Holzdiebstahlsgesetz“ erstmals mit ökonomischen Fragen und sozialistischen Ideen beschäftigte. Friedrich Engels belieferte die Zeitung mit Artikeln über die politischen Verhältnisse in England. Als der 22-Jährige den leitenden Redakteur Marx im Oktober 1842 in Köln besuchte, nahm die Begegnung erst einmal einen ungünstigen Verlauf, denn Engels gehörte zum Kreis der Berliner Liberalen.

Raoul Peck verschiebt in seinem Film – nach dem Drehbuch Pascal Bonitzers, der einige der schönsten Filme des französischen Kinos geschrieben hat – diese Begegnung in das Jahr 1844.

Marx lebt mit seiner Frau Jenny (Vicky Krieps) im Pariser Exil, während Engels (Stefan Konarske) in Manchester als Prokurist eine der Baumwollspinnereien seines Vaters führt. Als sich Mary Burns (Hannah Steele) von ihrem Webstuhl erhebt und bessere Arbeitsbedingungen für die Frauen und Kinder in der Fabrik fordert, wird sie gegen den – kleinlauten – Protest Engels’ entlassen. Immerhin holt der Fabrikantensohn die irische Arbeiterin, die große Liebe seines Lebens, aus ihrem Elendsquartier. Das Zerwürfnis mit dem Vater ermöglicht ihm das Reisen. In Paris sieht Marx in Engels den geschniegelten Bourgeois, doch nach ein paar durchzechten Nächten wird daraus eine Männerfreundschaft. Gemeinsam durchstreift man die intellektuellen Zirkel in Paris, den Konventionen der Zeit entsprechend wird die Vorstellung der Personen zelebriert – auch um kein Missverständnis über Haltung, Denken und die „Theorie der Praxis“ aufkommen zu lassen. Die Vertreibung aus dem französischen Exil ermöglicht in Belgien immerhin einige Bilder am Meer mit einem Frauengespräch zwischen Jenny und Mary, die sich als Kämpferin jeden Kinderwunsch versagen muss.

Nach beinahe zwei Stunden des Debattierens erinnert sich Raoul Peck wieder der Möglichkeiten des Kinos. Wie im Fieberwahn schreiben Marx und Engels 1848 in London an ihrem „kommunistischen Manifest“. Dazu singt Bob Dylan „Like a Rolling Stone“. Das ist nicht gerade ein Arbeiterlied, aber die Verse erzählen mehr über das begreifende Denken und die Verwandlung des Konkreten ins Abstrakte als diese hölzern historisierende Filmbiografie.