Der Joint auf Rezept
Während Deutschland den Umgang mit Cannabis als Arzneimittel liberalisiert, wird in Österreich der Gebrauch von Hanf-Medizin strenger gehandhabt. Noch sind die Daten nämlich nicht berauschend.
Von Nicole Strozzi
Innsbruck –In Deutschland dürfen Schwerkranke seit diesem Monat getrocknete Cannabisblüten und Cannabisextrakte auf Rezept in Apotheken erhalten. In Israel ist die medizinische Anwendung des Rauschmittels schon seit 25 Jahren Praxis. Die Hanf-Medizin wird z. B. gegen Übelkeit und zur Appetitsteigerung bei Krebs- und Aids-Patienten sowie bei Rheuma und bei spastischen Schmerzen bei Multipler Sklerose eingesetzt.
Der „Joint auf Rezept“ ist ein umstrittenes Thema. Soll man oder soll man nicht, das ist auch die Frage, die man sich hierzulande stellt. Die Meinungen dazu klaffen auseinander. In Österreich ist Cannabis in dieser Form nicht für die medizinische Behandlung zugelassen. „Es gibt aber zugelassene Medikamente mit Inhaltsstoffen Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol, die in der Praxis eingesetzt werden“, erklärt Andreas Schlager, Leiter der Sprechstunde für Schmerz- und Palliativmedizin an der Klinik Innsbruck. In der Schmerzmedizin sei dies allerdings nicht sehr häufig der Fall.
Wussten Sie, dass..?
Cannabis ist eigentlich das lateinische Wort für Hanf. Der Begriff wird oft umfassend für Hanfpflanzen benutzt. Als Marihuana oder Gras bezeichnet man die getrockneten Blüten der Hanfpflanze. Haschisch ist das Harz der Hanfpflanze.
In der Cannabispflanze stecken 110 Inhaltsstoffe, von denen man bei vielen die genaue Wirkung nicht kennt.
Die AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) hat in Österreich allein das Recht, Cannabis zur Arzneimittelherstellung anzubauen.
Das Problem sind die derzeitigen Untersuchungen, die im wahrsten Sinne des Wortes nicht berauschend sind. „Bei Multipler Sklerose weiß man bereits, dass es gute Effekte gibt. Die Schmerzmedizin braucht aber noch gute, saubere und Placebo-kontrollierte Studien“, sagt Schlager. Man empfehle daher Cannabis-Medikamente erst, wenn alle anderen Schmerzmedikamente ausgeschöpft sind. Am ehesten wird die Hanf-Medizin in der Palliativmedizin eingesetzt. Bezahlt werden die Medikamente von der Kasse nur bei einer Ultima-Ratio-Therapie, also wenn sonst keine andere Chance mehr besteht.
Im Endeffekt ist eine Liberalisierung des Umgangs mit den Drogen auch eine ethisch-politische Geschichte. Abseits der medizinischen Anwendung wird auch immer wieder über die Legalisierung der Freigabe von Cannabis in Form von Haschisch und Marihuana für den Freizeitgebrauch diskutiert.
„Gras“ soll legal erhältlich sein wie Alkohol? Explodieren dann Konsum und Kriminalität oder ist das Gegenteil der Fall? Auch auf solche Fragen fehlen noch klare Antworten. „Wenn mich jemand nach meiner Meinung fragt, sage ich: Solange wir keine harten Daten aus Ländern haben, in denen Cannabis legal ist, müssen wir mit einer Legalisierung abwarten“, betont Wolfgang Fleischhacker, Direktor der Psychiatrie an der Klinik Innsbruck. Fleischhacker spricht sich aber klar für eine Entkriminalisierung aus. Nur weil jemand „kifft“, soll er nicht vorbestraft oder eingesperrt werden.
Portugal hat beispielsweise schon vor 16 Jahren den Konsum von Drogen zwar nicht legalisiert, aber entkriminalisiert. Dies führte zu einer Entleerung der Gefängnisse und sparte dem Staat Kosten.
Der Umgang mit Cannabis ist weltweit unterschiedlich reguliert. In Österreich ist der Cannabiskonsum z. B. illegal, in den Niederlanden eigentlich auch, wird aber toleriert. Neben Nordkorea und Uruguay sind Haschisch und Marihuana in den USA in einigen Bundesstaaten legal erhältlich. Ergebnisse aus ersten Bewertungen sind allerdings nicht aussagekräftig: Die einen Studien sagen, seit der Legalisierung gebe es weniger Unfälle durch alkoholisierte Lenker. Die anderen Studien zeigen auf, dass es dafür mehr Unfälle mit Lenkern unter Cannabiseinfluss gibt. Im Grunde weiß man also noch gar nichts. „Im Moment überwiegt für mich das Risiko“, sagt Fleischhacker.
Denn was man sicher weiß: Cannabis ist ein Suchtmittel. Ein längerer Konsum hat Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit des Gehirns, das Risiko, eine Schizophrenie oder eine Depression zu entwickeln, steigt. „Das größte Risiko haben Jugendliche“, betont der Arzt. Das Argument, es gebe bei einer Legalisierung keinen Schwarzmarkt, stimme so auch nicht, sagt Fleischhacker. Die Drogen werden dort dann einfach billiger als im Cannabis-Shop „vertickt“. Im Moment heißt es also abwarten. „Ich glaube, in fünf Jahren werden wir mehr wissen“, meint Fleischhacker.