Österreich und Deutschland: Ungleiche Geschwister oder doch Zwillinge?

Von Dietmar Czernich...

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Von Dietmar Czernich

Es gibt keinen Staat, mit dem Österreich so eng verbunden ist wie mit Deutschland. Und es gibt weltweit kaum zwei Staaten, die untereinander so viel teilen wie Deutschland und Österreich. Sind Österreich und Deutschland deshalb Zwillinge oder doch ungleiche Geschwister?

Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Deutschland und Österreich wird sehr häufig klischeehaft beantwortet, indem Deutschen Eigenschaften wie Patzigkeit, Direktheit und Überheblichkeit zugeordnet werden, Österreichern dagegen Charme, Naturliebe und Traditionsverbundenheit. Niemand hat dies besser dargestellt als Felix Mitterer in der legendären „Piefke Saga", in der Tiroler Schlitzohren gegen deutsche Wirtschaftsbosse kämpfen. Andererseits wird das Verhältnis Österreichs zu Deutschland von der politisch Rechten in Österreich vereinnahmt und im Sinne des Deutschnationalen ideologisch aufgeladen. Man denke nur an den Ausspruch von Jörg Haider, Österreich sei im Verhältnis zu Deutschland eine „ideologische Missgeburt".

Jenseits von Klischees und politischen Absichten lässt sich Österreichs Verhältnis zu Deutschland nur erklären, wenn man den historischen Ablauf betrachtet. Wie jedes Geschwisterpaar haben auch Deutschland und Österreich eine gemeinsame Vergangenheit, die ihr heutiges Verhältnis erklärt. Hierbei ist die gemeinsame Geschichte durch vier große Wendepunkte bestimmt: der Deutsch-Österreichische Krieg 1866, die Niederlage im Ersten Weltkrieg, der so genannte Anschluss an Nazi-Deutschland 1938 und der EU-Beitritt Österreichs 1995. Jeder dieser Wendepunkte gab dem Verhältnis eine neue Richtung und führte letztlich zum heutigen Zustand. Ein Blick in die Vergangenheit lohnt sich also:

Mitglied im Deutschen Bund

Bis 1866 war Österreich ein Mitglied des Deutschen Bundes. Als Bundesmitglied war Österreich ebenso „deutsch" wie Württemberg, Bayern oder Preußen. Österreich hatte sogar die Vormachtstellung im Deutschen Bund inne und man könnte durchaus zu Recht sagen, dass damals Deutschland eher zu Österreich gehörte als umgekehrt. Dieses Verhältnis erklärt auch die erste Strophe in der Tiroler Landeshymne: „Es blutete der Brüder Herz, ach ganz Deutschland sank in Schmach und Schmerz, mit ihm das Land Tirol ..." Der Verweis auf Deutschland schien dem Texter des Liedes — übrigens ein Deutscher — 1831 ganz natürlich, weil Österreich, und mit ihm Tirol, ein deutscher Staat war. Durch das aufstrebende Preußen erwuchs Österreich in seiner Vormachtstellung in Deutschland jedoch ein mächtiger Rivale. Die Rivalität zwischen Österreich und Preußen führte 1866 zum „Deutschen Krieg", den Österreich in der Schlacht bei Königgrätz verlor. Als Folge dessen trat Österreich aus dem Deutschen Bund aus und verwandelte sich in die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Aus Preußen wurde das Deutsche Kaiserreich. Erst jetzt kann man von zwei getrennten Staaten sprechen.

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Zweifel am eigenen Staat

Staatlich getrennt, gingen Deutschland und Österreich — wenngleich verbündet — eigene Wege: Deutschland war ein ehrgeiziger Staat in Europa, der seinen Platz an der Sonne suchte, während über der Monarchie das Abendlicht der Geschichte schien. Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns wurde 1918 die Republik Österreich gegründet. Nach Jahrhunderten als Großmacht stand Österreich als Kleinstaat da. Niemand konnte sich vorstellen, dass dieses Restgebilde überlebensfähig sein könnte. Deshalb wurde bereits in der Proklamation der Republik am 12. November 1918 festgehalten, dass Österreich ein Bestandteil Deutschlands sei. Die Volksabstimmung in Tirol im Jahre 1921 brachte eine Mehrheit von 98 Prozent für die Angliederung an Deutschland. Die Alliierten untersagten aber diese Absichten, weil man Deutschland ja nicht im Ersten Weltkrieg besiegte, um es durch sieben Millionen Österreicher zu vergrößern.

Der Zweifel am eigenen Staat hielt den Anschlussgedanken in Österreich immer am Leben. Dieser permanente Gedanke erwies sich als Todeskeim eines unabhängigen Österreich. Erst der erzwungene Anschluss an Nazi-Deutschland 1938 und die darauf folgenden traumatischen Jahre unter nationalsozialistischer Zwangsherrschaft rotteten den Anschlussgedanken an Deutschland mit Stumpf und Stiel aus.

In der Nachkriegszeit bis zum EU-Beitritt gingen Österreich und Deutschland getrennte Wege, die zu einer gewissen Entfremdung führten: Deutschland integrierte sich in den Westen durch Nato und EWG, während Österreich sich über seine immerwährende Neutralität definierte. Die wirtschaftliche Entwicklung war in Deutschland weit dynamischer als in Österreich, wo man der Verstaatlichung der Banken und Industrie den Vorzug vor dem in Deutschland herrschenden „Rheinischen Kapitalismus" gab. Auch kulturell distanzierte sich Österreich von Deutschland: In der Schule wurde das Fach „Deutsch" durch „Unterrichtssprache" ersetzt, die deutschen Klassiker wurde durch österreichische Literatur ersetzt und statt dem Duden das „Österreichische Wörterbuch" eingeführt. In dieser Zeit definierte sich Österreich gerade durch die bewusste Abgrenzung von Deutschland. Diese Abgrenzungsstrategie funktionierte aber nur mäßig, weil die Verbindungen trotz allem zu stark waren. Österreich litt in dieser Zeit immer unter dem Komplex des kleinen Bruders, der sich etwa anschaulich beim Fußballmatch 1978 in Cordoba entlud.

Erst der EU-Beitritt entspannte das Verhältnis: Entgegen den Befürchtungen, Österreich könnte zum Anhängsel Deutschlands in der EU werden, war genau das Gegenteil der Fall: Österreich löste sich von der deutschen Umklammerung und holte in allen Belangen gegenüber Deutschland stark auf. Zu Beginn des neuen Jahrtausends hieß es unter vielen deutschen Industriekapitänen, Österreich sei das „bessere Deutschland". Die Süddeutsche Zeitung brachte dieses neue Verhältnis vor einigen Jahren auf den Punkt, als Heribert Prantl in einem Leitartikel die allgemeine Auffassung wiedergab und schrieb: „Österreich und Deutschland begegnen sich heute auf Augenhöhe." Der Komplex des kleinen Bruders war verschwunden.

Entspannte Beziehung

Tatsächlich war das Verhältnis zwischen Deutschland und Österreich nie so entspannt wie heute. 10 Prozent der Tiroler Bevölkerung sind heute Deutsche, die in allen Lebensbereichen tätig sind, ohne dass es zu Problemen kommt. Während es vor Jahrzehnten noch undenkbar war, von einem Hüttenwirt mit sächsischem Akzent begrüßt zu werden, kümmert sich heute niemand mehr darum. Neuesten Umfragen zufolge haben 75 Prozent aller Deutschen eine gute Meinung von Österreich. Das war zu Zeiten von Bundespräsident Kurt Waldheim, des Weinskandals und des Niedergangs der Verstaatlichten ganz anders. Heute sind Österreich und Deutschland wie Geschwister, die sich nach Entfremdung wieder angenähert haben, ohne dass jeder seine Identität aufgibt und zu einem eineiigen Zwilling des anderen wird. Vielleicht kommt man wieder an den Ausgangspunkt des wechselseitigen Verhältnisses zurück.


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